yorumZivilgesellschaftliche Bewegungen sind in einer ständigen Interaktion mit der Gesellschaft, in der sie aktiv sind- natürlicherweise. Die Effizient und der Erfolg dieser Bewegungen steht direkt mit ihrer Anpassungsfähigkeit an die gegebenen Umstände in Verbindung- Als ein ,,lebender“, reeller Akteur ist die Zivilgesellschaft ist in der Hinsicht ambivalent: auf der einen Seite ist sie eine Instanz, die das Potenzial besitzt, die gesellschaftlichen Gegebenheiten zu ändern, als auch eine Instanz, die sich ständig aufgrund der vorliegenden Umstände erneuert und neu definiert. Solche Bewegungen, die es gemeistert haben, in ihrer Gründungsphase sich auf einer Basis zu errichten, die als eine Antwort zu den gesellschaftlichen Debatten gelten kann, werden nicht dazu gezwungen, in weiteren Verlauf ihrer Geschichte radikale Änderungen durchzulaufen- diejenigen, die dies nicht meistern, müssen entweder radikale Änderungen vornehmen oder sich weigern, diese Änderungen vorzunehmen, was dazu führen wird, dass sie mit der Zeit ihre Wirkung verlieren werden.

Beginnend von den 70er Jahren, die die Gründungsphase der Hizmet-Bewegung darstellen, hat die Bewegung bis heute unterschiedliche Hindernisse überwunden und es geschafft, in einer nicht durchgängigen Demokratie eine nachhaltige zivile Bewegung zu bleiben. Auch in Zeiten, in denen der entfremdende Säkularismus einen sehr starken Druck auf die Zivilgesellschaft ausgeübt hat, hat die Hizmet-Bewegung nichts an ihrem Momentum verloren, und unterstrichen, dass es ihr Anliegen ist, der Menschheit, dem gesellschaftlichen Frieden zu dienen. In der Hinsicht ist diese Bewegung, bewertet man sie an den Parametern, die sie diesbezüglich aufgestellt hat, auch durchaus erfolgreich gewesen und ist es auch heute.

In den letzten Jahren jedoch ist die Hizmet-Bewegung unter einem Druck, unter dem sie nicht einmal während der Putschregime ausgesetzt war: In der Türkei werden im Moment alle zur Verfügung stehenden staatlichen Mittel mobilisiert- fernab von einer rechtsstaatlichen Grundlage- um die Hizmet-Bewegung zu diffamieren- Die Reaktion der Hizmet-Bewegung ist jedoch eindeutig: Die Bewegung hat sich in keiner Weise von ihren Prinzipien und Werten entfernt und hält an diesen fest und raffiniert diese, da es notwendig ist, diese Prinzipien und Werte aufgrund ständiger Angriffe klarer und deutlicher zu formulieren.

Eine Rationalisierung auf Grundlage der Grundwerte

 

Der Angriff, den die AKP-Regierung mit den ihnen zur Verfügung stehenden staatlichen Mitteln begonnen hat, ist ein Angriff, der auf vielen Dimensionen stattfindet und der unweigerlich dazu geführt hat, dass die Hizmet-Sympathisanten viele ihrer Anliegen nochmals beleuchtet und analysiert haben. Diese erzwungene Infrage-Stellung jedoch hat nicht dazu geführt, dass sie sich von der Hizmet-Bewegung entfernt haben, sondern im Gegenteil: Ihre Grundprinzipien wurden rationalisiert. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Bewegung basierend auf den soziokulturellen Gegebenheiten der Türkei es nie schwierig hatte, angenommen zu werden, kann man nachvollziehen, dass die Menschen, die die Bewegung befürwortet haben, es nicht für sehr notwendig gehalten haben, die Grundprinzipien zu hinterfragen: Ein Sympathisant der Hizmet-Bewegung zu sein ist leicht gewesen, da etwas ,,Gutes“ getan wurde- und das im Einklang mit der ansässigen Kultur.

Die Tatsache jedoch, dass die Hizmet-Bewegung sich zu einer transnationalen Bewegung entwickelt hat und daher multikulturell ist, führt dazu, dass sie ihren Weg mit dem Ziel des Dienstes an die Menschheit nicht mit einem lokalen Kulturverständnisses begehen kann und dies auch de facto nicht tut. Dass der Bedarf nach einer universelleren ,,Hizmet- Sprache“ spürbar ist, ist angesichts der Tatsache, dass die Grundprinzipien der Bewegung sich auf einer universellen Basis bestehen und gelichzeitig das Anliegen dieser transnationalen Bewegung der universelle Frieden ist, nicht verwunderlich- es bestand in der Tat eine Asymmetrie zwischen den universellen Aktivitäten der Bewegung und der noch sehr stark von der lokalen Kultur geprägten Sprache der Hizmet-Bewegung. Der erwähnte Druck und die Angriffe, denen die Hizmet-Bewegung zur Zeit ausgesetzt ist, haben eben dazu geführt, dass die Bewegung –ohne von ihrem Paradigma abzuweichen- eine Rationalisierung durchgemacht hat und in der Hinsicht- durch eine rationalere Sprache- transparenter geworden ist.

Teamgeist und Vertrauen

Die ständige Diffamierung, die bereits extreme Ausmaße genommen hat –die Anbindung des öffentlichen Nahverkehrs an eine Hizmet-nahe Universität wurde z.B. von heute auf morgen einfach ,,eliminiert“- haben dazu geführt, dass die Hizmet-Sympathisanten ein stärkeres Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt haben, da um einen einfach alle eines feststellen mussten: Alle Anschuldigungen sind aus der Luft gegriffen, es gibt bis dato immer noch keinen einzigen handfesten Beweis. Die Anschuldigungen der Regierung sind im wahrsten Sinne des Wortes so lächerlich, dass die Hizmet-Sympathisanten die ganze Aufführung nicht mehr ernst nehmen können und sich lustig darüber machen- ohne Humor wären die Beschuldigungen bezüglich eines ,,Parallel-Staates“ nicht wirklich erträglich…

Die Bewegung, die auch in so einer Extremsituation wie dieser, nicht von ihren Grundprinzipien gewichen ist, hat unbestritten bewiesen, dass sie ihren Werten treu ist, was sowohl kollektiv, als auch individuell zu einem Vertrauensaufbau geführt hat: Es ist klar, dass die Hizmet-Bewegung keine pragmatische Bewegung ist und ihren Werten, sei es um den Preis der extremen Diffamierung, die Treue bewahrt. Hizmet verlässt in keiner Weise und unter keinen Umständen den demokratischen Weg und radikalisiert sich nicht- gleichgültig wie stark sie entfremdet wird.

Von einer passiven Transparenz hin zu einer aktiven Transparenz

 

Die Menschen, die sich in Hizmet partizipieren, besitzen aufgrund dieser Tatsache mehr Wissen über die Bewegung als diejenigen, die es nicht tun. Dies ist aber etwas, was durchaus normal ist. Die Tatsache, dass diese Informationen nicht für alle zugänglich sind, ist jedoch etwas, was nur aufgrund der Hizmet- Geschichte verständlich wird: Erstens, hat Hizmet ist versäumt, sich selbst erfolgreich der ,,Außenwelt“ zu erklären- die Tatsache, dass man ,,Gutes“ tut, hat die Bewegung zu der Annahme verleitet, dass die ,,guten Taten“ sich selber ausreichend erklären würden.

Der zweite Grund: Das allgemeine Misstrauen gegenüber zivilen Bewegungen in der Türkei. Die in der Türkei herrschende autoritäre politische Kultur hat dazu geführt, dass sich in der Türkei keine zivile Kultur, geschweige denn eine zivile Tradition gebildet hat.  Das Gewaltmonopol des Staates wird in jeder entwickelten Demokratie durch eine aktive Zivilgesellschaft in ihre Stränge gewiesen und es verständlich, dass ein autoritärer Staat die Entwicklung einer gesunden Zivilgesellschaft nicht mit Jubel antwortet. Eine aktive, geusnde Zivilgesellschaft ist ein Schutzschild für das Individuum gegenüber der Staatsgewalt. In der türkischen Politiklandschaft ist dies aber leider nicht der Fall: Das Individuum ist auf sich selber gestellt, wenn es darum geht, seine Recht gegenüber dem Staat zu schützen, da in der Gesellschaft ein sehr großes Misstrauen gegenüber zivilen Bewegungen vorhanden ist. Daher ist es auch teils nachvollziehbar, dass die Hizmet-Bewegung ihre Anliegen nicht aktiv und klar genug zur Sprache gebracht hat und dies dazu geführt hat, dass Außenstehende Probleme damit hatten, Hizmet ohne Misstrauen zu begegnen.

Diese beiden Gründe und die Tatsache, dass das Paradigma in einer amorphen Weise zur Sprache gebracht worden ist, hat dazu geführt, dass die Bewegung eine passive Transparenz entwickelt hat- eine Transparenz für diejenigen, die sich partizipiert haben.

Die aktuelle Situation jedoch hat dazu geführt, dass die Bewegung sich bewusst geworden ist, dass es nicht ausreicht, die ,,guten Taten“ für sich sprechen zu lassen, sondern offen aufzuklären- damit Missverständnisse beseitigt und auch zukünftige Missverständnisse verhindert werden. Analysiert man die Stellungnahmen der Hizmet-Bewegung ist eines deutlich festzustellen: Das Streben nach einer aktiven Transparenz.

 

Yasemin Aydin & Fatih Ceran