Der 30. März hat keine Überraschungen gebracht. Die AKP ist siegreich aus den Wahlen gegangen und hat gezeigt, dass sie in naher Zukunft die politische Autorität halten wird. Die Hizmet-Bewegung hat die AKP in diesen Wahlen nicht unterstützt, nicht nur weil sie die Politik Erdogans in Bezug auf Demokratie, EU-Beitritt und zivile Verfassung nicht befürwortet hat, sondern auch wegen der Hasspolitik, die die Regierung nach dem Korruptionsskandal gegenüber der  Hizmet-Bewegung richtete. Die AKP hat die Werte der Gesellschaft funktionalisiert und sie zu seinen Instrumenten gemacht. Herzlichen Glückwunsch.


Wir werden den Versuch unternehmen, die Folgen dieses Wahlergebnisses für die Hizmet-Bewegung zu prognostizieren.

Während der Wahlperiode, hat Hizmet seinen zivilen Charakter sehr klar gezeigt: Die Hizmet-Bewegung hat es geschafft, die Distanz zwischen sich selber und einer Regierung, die mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mittel versucht, die Zivilgesellschaft unter seine Kontrolle zu bringen, aufrecht zu erhalten und sich nicht kontrollieren zu lassen. Eine Bewegung, die finanziell, personell oder projektorientiert abhängig von der Regierung ist, hätte nicht so reagieren können.

Die letzten Debatten um Hizmet, haben es deutlich gemacht; Hizmet ist in einem Punkt sehr hartnäckig: Gleichgültig was passiert, man bleibt den demokratischen Werten treu und fordert von der Politik die Rechte und Freiheiten auf zivilgesellschaftlicher Basis.

Auch dann, wenn  mehr als 900 Nachhilfeeinrichtungen unberechtigt und mit einem verfassungswidrigen Gesetzt verboten werden. Die Hizmet-Bewegung hat protestiert: durch die Medien- sowohl die klassischen, als auch die sozialen Medien wurden aktiv verwendet um sich Gehör zu verschaffen. Ein anderer Weg wäre auch nicht möglich gewesen: Die Hizmet-Bewegung, die sich als zivile Bewegung definiert und eine pluralsistische Basis mit den Werten der Demokratie, Menschenrechte und Freiheit besitzt, kann und wird auch ihre Werte und Meinung immer basierend auf diesen Werten vertreten.

Für die Kontinuität der Demokratie sind Hizmet und ähnliche soziale Bewegungen, deren zivile Forderungen an die Politik sehr wichtig. Die oft wiederholte Aussage ,,Hizmet soll sich nur um die Bildung kümmern und sich von anderen Angelegenheiten raushalten” ist ein Anzeichen für eine Auffassung, die die Zivilgesellschaft nur in bestimmte Felder eingrenzt und die Forderungen auf demokratischer Basis behindert. Die Demokratie lebt jedoch davon, dass sie hinterfragt wird, dass sie kontrolliert wird, dass die zivile Gesellschaft die Möglichkeit zur Partizipation findet. In demokratischen Systemen wird das System nicht nur die Justiz beaufsichtigt. Die Gesellschaft organisiert sich, stellt Forderungen an den Staat- dies ist auch das natürlichste Recht. Der Staat erhält seine Legitimität von der Gesellschaft ( und den Individuen) und verwendet seine Kraft durch diese Legitimität. Diese Forderungen führen dazu, dass sich die Demokratien weiter entwickeln. Ein Staat, von dem nichts gefordert wird, wird nicht von sich selber auf die Idee kommen transparent zu werden, noch wird er auf die Idee kommen, Rechenschaft abzulegen. Man braucht keine externen Beispiele hierfür, es reicht aus, sich die aktuellen Ereignisse in der Türkei zu vergegenwärtigen…

Die Debatten haben es verdeutlicht: Sowohl die formellen, als auch die informellen Bildungsformen der Hizmet-Bewegung waren erfolgreich. Die Bewegung, die als ,,Virus, Assasine, blutsaugende Vampire, Terrororganisation” usw. beschimpft wurde, deren ideologischer Gründer Fethullah Gülen mit durchaus interessanten (!) und innovativen (!) Attributen wie ,,falscher Prophet, Scheinwissenschaftlicher, Führer der Terrororganisation etc.” ausgezeichnet wurde, hat seinen Diskurs und seine ethische Haltung, Basis nicht geändert.  Dies ist sehr wichtig, denn auch wenn es dazu kommt, dass alle Institutionen der HIzmet-Bewegung unrechtmäßig geschlossen werden sollten: Solange die Hizmet-Bewegung ihre normative Grundlage nicht verliert, wird sie immer wieder die Kraft finden, sich zu erneuern und neue Wege für ,,Hizmet”, also den Dienst an die Menschheit zu finden…

Hinzukommt, dass die mittlerweile globale Erfahrung der Hizmet-Bewegung ein weiterer Beweis für die Aufrichtigkeit der normativen Gundlage der Bewegung ist und dies zu einer viel stärkeren und vor allem globaleren Dynamik führen wird.

Die Bewegung hat unter Beweis gestellt, dass sie –koste es, was es wolle- die religiösen Werte nicht funktionalisieren wird und die moralischen Werte in der Basis halten wird. Sogar als sie durch die entleerte und populistische Form dieser religiösen Werte angegriffen wurde, war sie nicht mit diesen Werten an der Front; sie hat nicht um einer populistisch- politischen Identität willen ihre moralischen Ideen und Werte funktionalisiert und hat auch nicht angefangen mit nationalistische angehauchter Propaganda die Gesellschaft noch mehr zu polarisieren.

Auch wenn die Tagesordnung mit Themen überlaufen ist, die nichts anderes bezwecken, mit einem  Nebel die eigentlichen Probleme zu verschleiern, wird dies nicht auf Ewigkeit möglich sein. Die Türkei wird sich normalisieren und die Gesellschaft wird wieder zu seinem Gleichgewicht finden- dann wird auch der Zeitpunkt gekommen sein, in dem man die Vorfälle noch mal beleuchtet. In der Hinsicht haben die Hizmet- Angehörigen unfragwürdig der Zukunft ein sehr schönes Erbe hinterlassen:

Sie haben bewiesen, dass sie trotz aller Diffamierung, Verleumdung nie von ihren ethisch-moralischen Werten ablassen, sie werden nie den Weg der Radikalisierung gehen- gleichgültig, in welcher Krisensituation sie sich auch befinden mögen.

Die letzten Ereignisse haben eigentlich zu etwas sehr Innovativem in der Bewegung geführt:

Hizmet wird in der Zukunft die sozio-kulturelle Tradition, in deren Umfeld sie entstanden ist, kritischer hinterfragen und wird das Prinzip des ,,individuellen” Islams, das in seinem Paradigma vorhanden ist, mehr in den Vordergrund stellen und konkreter formulieren. Die Bewegung wird somit seinen zivilen Charakter nochmals unterstreichen und die Ermöglichung der individuellen Freiheiten in ihr öffentlich definieren. Man kann dies vielleicht als eine Art ,,die Tradition kritiserende Religiösität” betrachten. Dies entspricht ja eigentlich auch der Praxis: Die Hizmet-Bewegung, die überall auf der Welt Projekte durchführt, in Kontakt ist mit hunderten von Ethnien, Religionen und Kulturen ist und somit eindeutig global ist, kann nicht in der ,,Tradition” gefangen bleiben und muss sich öffnen bzw. İst bereits offen.

Die traditionelle Linie in der Entwicklung der Bewegung hat auch natürlicherweise dazugeführt, dass die politische Orientierung der Hizmet-Sympathisanten  teilweise traditionell oder besser konservativ rechtsorientiert gewesen ist;  dies wiederum führte zu einer Asymmetrie zwischen dem pluralistischen Charakter der weltweiten Projekte der Bewegung und eben dieser politisch konservativen Orientierung. Die letzten Ereignisse haben eben auch zu einer Hinterfragung dieser konservativen Einstellung geführt und die politische Einstellung der Hizmet-Sympathisanten nach ,,links”, in eine liberalere Position gebracht: Also in eine, der ihrem pluralistischem Charakter in ihrer zivilen Art mehr entspricht, nah zu dem gesellschaftlichen Zentrum ist.

Diese Nähe zu dem gesellschaftlichen Zentrum wird zu einem aktiveren Austausch mit den ,,linksorientierten” Gruppen der Gesellschaft führen, was sicherlich für beide Seiten eine Bereicherung sein wird. Es ist dabei wichtig, dass die Hizmet- Bewegung eine Sprache, eine Terminologie findet, die sowohl die konservative Bevölkerung, als auch die linksorientierte Bevölkerung nicht ausgrenzt und seinen pluralistischen Charakter auch in der Hinsicht beibehält…

Zusammengefasst sind wir überzeugt davon, -gleichgültig wie die politische Landschaft in der Türkei sich ändern wird-, dass die Sympathisanten von Hizmet ein sehr gutes Beispiel  und ein ,,stolzes Erbe” für die kommenden Generationen hinterlassen haben:

Indem sie gezeigt haben, dass sie- gleich, unter was für einem Druck sie stehen, egal, was ihnen vorgeworfen wird, egal, wie sie diffamiert werden- an ihren Grundprinzipien festhalten und nicht sich der Konjunktur entsprechend ,,verbiegen”…

Fatih Ceran & Yasemin Aydin