islammDer politische Islam ist eine in der islamischen Geografie verbreitete Richtung der Politik, die Religion als Referenzrahmen für die soziale Ordnung betrachtet: Diese Richtung sieht in der Politik das Mittel zur Etablierung der eigenen religiösen Ansichten. Sie basiert darauf, dass die Religion in erster Linie eine idealisierte Gesellschaftsordnung ist und dass es die Pflicht und Aufgabe der ,,Herrschenden“ sei, die politische Ordnung aus der Religion hervorzurufen und eine ,,der Religion entsprechende“ politische Struktur zu etablieren.

 

Die Geschichte des politischen Islam ist eng mit der kolonialen Erfahrung verbunden.

Diese unangenehme Berührung mit den Kolonialmächten hat zwei große Probleme verursacht: Zum einen den Verlust des Selbstvertrauens, zum anderen eine sehr problematische, feindliche Haltung gegenüber den ,,Fremden“, die der politische Islam historisch bedingt als Eindringlinge, als böse Unterdrücker wahrnimmt.

Die Tatsache, dass die Kolonialmächte die Unterdrückung stets in der Form einen institutionalisierten Macht durchgesetzt haben, nämlich in ,,staatlicher“ Form, hat automatisch dazu geführt, dass die Funktionalität des Staates als eine Ebene der Durchsetzung der eigenen Ideale aufgefasst wurde: Da der Staat traurigerweise auch in der postkolonialen Ära ein Instrument der Unterdrückung durch die „eigene“ Elite gewesen ist, sind die Vertreter des politischen Islam der Auffassung, dass sie durch die staatliche Macht das Recht und die Möglichkeit besitzen, ,,anderen“ ihre Meinung zu diktieren, in ihre Lebensweise einzugreifen, sie zu „unterdrücken“.

Das geht sogar so weit, dass zum Beispiel einer der wichtigsten Vertreter des politischen Islam, Sayyid Qutb, das zentrale Glaubensbekenntnis des Islam „Es gibt keinen Gott außer Allah“ als einen Slogan für den Aufstand der  „Muslime“gegen die „nicht-islamische“ Autorität betrachtete und damit sogar diesen politisierte.

Die Islamisten, die Anhänger des politischen Islam, setzen die Herrschaft, die Macht zur Bestimmung des öffentlichen Lebens gleich mit der Herrschaft des Islam, was dazu führt, dass die Religion –der Islam ­– zwangsläufig als eine weltliche Herrschaft definiert wird.

Durch die Übernahme des Staates (auch durch Einsatz von demokratischen Mitteln) kann nach der Auffassung der Islamisten der Islam im politischen Diskurs vertreten und die Umsetzung der Scharia gewährleistet werden. Nun lehrt die Geschichte der Menschheit aber in Bezug auf die Politik eindeutig eines: Jede Richtung in der Politik führt zu einer Vereinigung und zu einer Teilung der Gesellschaft; eine Inklusion durch „Gemeinsamkeiten“ und eine Exklusion durch „Unterschiede“: Jede politische Kampagne verfremdet ihre Gegner und schafft Grenzen –wenn nun, wie bei dem politischen Islam, diese Grenzlinien durch die Religionsangehörigkeit und die Praxis der Religion gesetzt werden, dann wird das sehr heikel:

Jede Kritik der Politik wird als Kritik der Religion, und somit als religiöser Diskurs verstanden.

Da fragt man sich unweigerlich:

Wenn im politischen Islam der Staat die institutionalisierte Form der Religion ist…Ist er dann die neue „Kirche“…?!

 

Ob der politische Islam nun die neue „Kirche“ darstellt oder nicht – fest steht, dass durch den politischen Islam die Religion im Zentrum der Politik steht und somit alle öffentlichen (politischen) Debatten als Debatten der Religion geführt werden. Die „islamische“  Autorität bestimmt, was für den Staat und seine BürgerInnen gut ist und was nicht. Da sie ihre Wurzeln in der Religion hat und jedes Tun mit der Religion zu begründen versucht, führt dies unweigerlich dazu, dass sie keine Kritik akzeptiert: Der Staat bestimmt, was Religion ist und was nicht…

Die Religion ist im politischen Islam die Gefangene des jeweiligen Kontextes. Alternative Interpretationen der Religion werden nicht akzeptiert und unterdrückt, was natürlich jegliche Diversität, jede Art von Pluralismus in der Gesellschaft verhindert. Der politische Islam beansprucht eine Monopolstellung bezüglich der Wahrheit. Dies wiederum verursacht, dass der „andere“ und die mit ihm in Beziehung stehenden anderen „Wahrheiten“ strikt bekämpft werden. Somit wird die Dynamik und Wiedergabe religiöser Traditionen und deren Entwicklung praktisch unmöglich gemacht.

 

Wie bereits erwähnt, wird der Fokus der Religion, des Glaubens mit diesem politischen Verständnis von der individuellen Tugendhaftigkeit auf die Aufrechterhaltung der politischen Herrschaft gelegt, was zu einem Vakuum in Bezug auf die Moral und Ethik in der Religionsauslegung führt: Nicht die Eigenschaften des Individuums zählen, sondern die Tatsache, wer man ist (oder wer man nicht ist). Was zählt, ist der Name, nicht die richtige Einstellung.

Da stellt sich eine neue Frage:

Eignet sich der politische Islam, das Ziel des Islam, ein friedvolles Zusammenleben auf dieser Welt, in den Herzen der Menschen zu verbreiten, oder verursacht er genau das Entgegengesetzte: die Ausgrenzung und Entfremdung der Menschen, auch der Muslime, die den politischen Islam nicht unterstützen …?!

Dies ist eindeutig nicht im Einklang mit der Universalität der Religion und steht auch im starken Widerspruch zur sogenannten „Bruderschaft der Muslime“.

 

Freiheit

Die islamische Ontologie lehrt, dass Adam, der erste Mensch, auf die Erde geschickt wurde, um zu gehorchen und für den Schöpfer zu beten. Er wurde mit einem Attribut, dem freien Willen, ausgestattet, was ihn in seinem Sein einzigartig macht: Adam soll mit und durch seinen freien Willen getestet werden und beweisen, dass er dem ewigen Paradies würdig ist…

Es steht nicht zur Debatte, dass der Islam, wie viele andere Religionen auch, das Individuum als die „Einheit der Analyse“ betrachtet und einen Schwerpunkt auf die direkte Beziehung zwischen dem Schöpfer und dem Menschen legt. Keine religiöse oder politische Autorität (und auch keine Kombination aus diesen beiden) steht zwischen dem Diener und seinem Schöpfer.

Der Koran-Vers ,,Und als ich ihn formte und ihm von meinem Geist einhauchte…“(15:29) unterstreicht deutlich, dass die Existenz jedes einzelnen Menschen durch die Trägerschaft des Transzendenten voll gerechtfertigt ist und keine andere Instanz außer Gott in irgendeiner Art und Weise das Recht dazu besitzt, andere Menschen aufgrund ihres Verhaltens zu beurteilen:  Jeder Mensch ist einzigartig und wertvoll, da jeder Einzelne der Empfänger des Transzendenten ist, weil Gott nach islamischer Auffassung dem Menschen die Seele aus seinem eigenen Geist eingehaucht hat und ihm die Möglichkeit gegeben hat, seine Eignung für das ewige Paradies auf dieser Welt, die als „Prüfung“ verstanden wird, mithilfe seines freien Willens unter Beweis zu stellen.

Somit ist jeder staatliche Zwang zur Ausübung einer islamischen Pflicht oder Haltung ein Verstoß gegen die „Atmosphäre“ der Prüfung und gegen die Grundlage, die ontologische Lehre des Islam: Der Mensch wurde geschaffen, um geprüft zu werden: Wenn der Mensch durch den Staat zum „Richtigen“ in Bezug auf die Religion gezwungen wird –wo bleibt dann die individuelle Prüfung?! Die individuelle Tugend wird durch den politischen Islam minimalisiert…

 

Der freie Wille macht uns eines ewigen Paradieses würdig, und unsere Prüfung liegt in der Tatsache, dass wir durch diesen freien Willen die Wahl haben, uns für das „Richtige“ zu entscheiden, obwohl wir die Möglichkeit besitzen, uns für die Sünde zu entscheiden.

 

Durch das Staatsmodell der Islamisten wird aber genau dies untergraben:

Es schafft einen Staat, der in die „Prüfung“ interveniert, indem er gar keinen Raum für das „Falsche“ und somit für die Entwicklung der Moral und der Tugend zulässt.

Alle sozialen Probleme, die durch das Fehlen von Moral und Tugend verursacht werden, werden als Probleme identifiziert, die ihre Wurzeln „außerhalb“ haben, da der politische Islam seine moralische Leere nicht wahrnimmt: Die Islamisten sollten sich bewusst sein, dass es nicht genügt, pro forma Muslim zu sein, sondern dass es vielmehr darum geht, ein guter Muslim zu sein…

Formalia, Bekenntnisse sind sicherlich wichtig, aber ohne relevante menschliche Qualitäten bleiben sie hohl und irreführend.

Zudem ist die Tatsache, dass der politische Islam seinen Schwerpunkt auf das Diesseits setzt, wo doch die Religion, der Glaube sich primär eigentlich mit dem ewigen Leben befasst, aus religiöser Sicht ebenfalls sehr problematisch.

Es stellt sich die Frage:

Ist es etwa so, dass die Islamisten das Jenseits untergraben?

Ist der politische Islam eine Säkularisierung, eine Verweltlichung der Religion?!

 

Fatih Ceran, Yasemin Aydin