Die Hizmet-Bewegung: Auf dem Weg zu einer Sprache, die die gesamte Menschheit anspricht

Die Hizmet-Bewegung ist in der Türkei der Mittelpunkt politischer Debatten- und das, obwohl sie stets bis dato unterstrichen hat, dass sie niemals ,,politisch“ aktiv sein würde. Leicht konfus? Nein, ziemlich konfus eigentlich!

Betrachten wir zunächst einmal, wieso die Hizmet-Bewegung es überhaupt für notwendig gehalten hat, dies stets zu unterstrichen: Die Bewegung, die es sich als Grundprinzip angeeignet hat, allen friedlichen Bestrebungen gegenüber offen zu sein und auch stets zu bleiben, kann diesem Prinzip nur dann gerecht werden, wenn sie auch offen für alle friedlichen parteipolitischen Bestrebungen gegenüber ihre Offenheit beibehält. Ein parteipolitisches Engagement würde der Diversität innerhalb der Bewegung schaden und Menschen, die unterschiedliche politische Ansichten vertreten, ausgrenzen, was eindeutig gegen das Selbstverständnis der Bewegung wäre:

,, Öffne dein Herz und deine Seele,  so weit wie Ozeane.. Sorge dafür, dass kein einziger Mensch mit einem  Anliegen vergeblich an Dich tritt und bleibe keinem einzigen Menschen und seiner Anliegen gegenüber gleichgültig.“ – Diese Aussage von Fethullah Gülen, der die Inspirationsquelle der Bewegung ist, belegt sehr klar, dass eine parteipolitische Stellung der Bewegung angesichts dieses Selbstbildes nicht möglich ist.

Da der Hizmet-Bewegung auch in der Geschichte der Vorwurf gemacht worden ist, dass sie ,,letztendlich“ die Absicht besitzen würde, die politische Macht an sich zu reißen, sah sie sich dazu gezwungen, immer wieder zu unterstreichen, dass sie nicht ,,politisch“ aktiv sein würde.– Moment! Eine zivilgesellschaftliche Bewegung, die nicht politisch aktiv ist?-

Das Verständnis des Begriffs ,,politisch“ (türkisch: siyasi) ist im Türkischen sehr realpolitisch belegt-  man versteht darunter nicht vordergründig die Partizipation bezüglich Angelegenheiten, die die Gesellschaft angehen, sondern viel mehr das parteipolitische Engagement. Daher sind solche Aussagen im türkischen Kontext nachvollziehbar, auch wenn sie Verwirrtheit erzeugen.

Die Hizmet-Bewegung als eine zivilgesellschaftliche Bewegung ist selbstverständlich ein Akteur im zivilen Bereich, doch bedeutet dies nicht, dass sie keine Forderungen an die Politik stellt. Keine Forderungen an die Politik zu stellen, würde bedeuten, dass sie ihrer Aufgabe als Akteur in der Zivilgesellschaft nicht gerecht  werden würde. In einem Staat wie der Türkei, in der die staatlichen Institutionen den Anspruch erheben,  überall und alles reglementieren zu können, ist es um so wichtiger, dass die Zivilgesellschaft die Forderungen  in Bezug auf Rechte und Freiheiten zur Sprache bringt und sich für diese einsetzt. Und wenn man dann noch in Betracht zieht, dass  die Hizmet-Bewegung eine zivilgesellschaftliche Bewegung ist, die auf der globalen Ebene aktiv ist, ist es selbstverständlich, dass sie immer eine gewisse Distanz zu den politischen Machtinhabern bewahrt, damit ihr Ziel- die Förderung des friedvollen  Miteinanders- nicht aufgrund irgendwelcher politischer Machtspiele in Gefahr gerät.

Die Forderungen, die die Hizmet- Bewegung an die Politik stellt, sind dementsprechend auch welche, die sich nach dem Hauptorganisationsprinzip der Bewegung formen; der Kultur des friedvollen Miteinanders. Demokratisierung, Rechte und Freiheiten, die Stärkung der Zivilgesellschaft, die Rechtsstaatlichkeit, der EU- Beitrittsprozess und ähnliche Forderungen, sowie oder besser vor allem eine Verfassung, die diese besagten Rechte und Freiheiten des Menschen unter Schutz nimmt  sind die grundlegenden Forderungen, die die Bewegung an die türkische Politik richtet. Die Bewegung beabsichtigt in keiner Weise einen ,,positiven“ Sonderstatus für sich und kann es aber auch auf der anderen Seite nicht gutheißen, dass Menschen, nur aufgrund der Tatsache, weil sie gegenüber der Hizmet-Bewegung eine Sympathie hegen, mit negativen Konsequenzen zu rechnen haben, wie es derzeit in der Türkei der Fall ist. Die Hizmet-Bewegung wird sicherlich auch nicht in der Zukunft  aufhören, ihre Forderungen gegenüber der Politik auf einer zivilgesellschaftlichen Ebene zur Sprache zu bringen. Sie wird dies mit einer universelleren Sprache tun (müssen), da sie aus dem für sie auch ziemlich komfortablen- weil sehr bekannten- türkischen Kontext auf eine Art und Weise diffamiert wird, die es in dieser Form sogar in der sehr debattenreichen türkischen Politik nicht bis dato gegeben hat. Diese Entwicklung der verwendeten Sprache zu einer universelleren wird auch dazu beitragen, dass neue Kooperationsmöglichkeiten bezüglich der Zielsetzung der Bewegung, der Friedensarbeit, sich ergeben werden. Die benannten soziopolitischen Werte werden in eine funktionellere Sprache übersetzt und diese Übersetzung wird zu einer Klarheit, zu einer aktiveren Transparenz führen.

Die Bewegung, die bezüglich der Werte, die den ,,öffentlichen Raum“ betreffen, eine links-liberale Linie verfolgt, bezüglich der Religiosität aber Gemeinsamkeiten mit der Gesellschaftsgruppierung besitzt, die politisch konservativ-rechts orientiert sind, wird mit der Zeit  bewerkstelligen, diese beiden auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Die Bewegung birgt in sich definitiv das Potential sich zu einer zunehmend diverseren Bewegung zu entwickeln.

Die Hizmet- Sympathisanten sind sich durch die laufenden Debatten in der Türkei noch einmal bewusst geworden, dass es sehr gefährlich ist,  religiöse Werte zu instrumentalisieren- Für sie ist es eindeutig, dass der öffentliche Raum durch und im Namen von ,,Recht und Freiheit“ an Form gewinnen muss und die Politik sich an die Prinzipien der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit orientieren muss.

Führt man sich vor Augen, dass gerade diese klare Stellungnahme für die Freiheit durch die Hizmet-Bewegung in einer Zeit geschieht, in der der repressive politische Islam an Bedeutung in der türkischen Gesellschaft gewinnt, ist es festzustellen, dass die Bewegung durch diese Haltung nochmals bewiesen hat, dass sie ihren Prinzipien und Werten gegenüber treu ist.

Die Hizmet-Bewegung hat eingesehen, dass es nicht für das allgemeine Wohl der Gesellschaft ist, eine politische Partei, die sie bezüglich ihrer demokratisierenden Reformen unterstützt hat, in Bezug auf andere Maßnahmen dieser Partei, die zu kritisieren waren, kritiklos zu belassen- Nun muss sie sich gegen diese Maßnahmen, die die Bewegung zwar nicht öffentlich kritisiert hat, die aber gegen ihre Prinzipien gewesen sind, in einer ausgewachsenen Form behaupten, was kein leichtes Unterfangen darstellt.

Letztendlich steht es aber außer Frage, dass die Hizmet-Bewegung, die kein anderes ,,Kapital“ außer ihren Werten und Prinzipien besitzt, definitiv nicht pragmatisch ist. Die Bewegung wird auch in Zukunft nicht von der zivilgesellschaftlichen Ebene abkommen und ihre Haltung bezüglich gesellschaftsrelevanter Themen noch klarer, noch transparenter zum Ausdruck bringen.

Zusammengefasst lässt sich festhalten, dass die aktuelle Phase der Repression in der Türkei die Auswirkung hat, dass das Potential der Bewegung zu einer universelleren Form ans Tageslicht gebracht wird. Die Bewegung wird eine Sprache finden, die ihr Grundprinzip, die Kultur des friedvollen Zusammenlebens, noch funktioneller und verständlicher zum Ausdruck bringen wird- was auch gleichzeitig dazu führen wird, dass der Dialog und die Zusammenarbeit für den Frieden mit unterschiedlichen Gruppen der Gesellschaft noch mehr gefördert wird.

Für eine Bewegung, die global aktiv ist, ist es notwendig, eine universelle Sprache zu finden. Da Hizmet inspiriert ist von dem Glauben, Gottes Gefallen durch den Dienst an die gesamte Menschheit erlangen zu können, muss sie dieser Inspiration auch durch eine Sprache gerecht werden, die die gesamte Menschheit anspricht.

 

Yasemin Aydin & Fatih Ceran