Die Hizmet-Bewegung: Auf dem Weg zu einer Sprache, die die gesamte Menschheit anspricht

Die Hizmet-Bewegung ist in der Türkei der Mittelpunkt politischer Debatten- und das, obwohl sie stets bis dato unterstrichen hat, dass sie niemals ,,politisch“ aktiv sein würde. Leicht konfus? Nein, ziemlich konfus eigentlich!

Betrachten wir zunächst einmal, wieso die Hizmet-Bewegung es überhaupt für notwendig gehalten hat, dies stets zu unterstrichen: Die Bewegung, die es sich als Grundprinzip angeeignet hat, allen friedlichen Bestrebungen gegenüber offen zu sein und auch stets zu bleiben, kann diesem Prinzip nur dann gerecht werden, wenn sie auch offen für alle friedlichen parteipolitischen Bestrebungen gegenüber ihre Offenheit beibehält. Ein parteipolitisches Engagement würde der Diversität innerhalb der Bewegung schaden und Menschen, die unterschiedliche politische Ansichten vertreten, ausgrenzen, was eindeutig gegen das Selbstverständnis der Bewegung wäre:

,, Öffne dein Herz und deine Seele,  so weit wie Ozeane.. Sorge dafür, dass kein einziger Mensch mit einem  Anliegen vergeblich an Dich tritt und bleibe keinem einzigen Menschen und seiner Anliegen gegenüber gleichgültig.“ – Diese Aussage von Fethullah Gülen, der die Inspirationsquelle der Bewegung ist, belegt sehr klar, dass eine parteipolitische Stellung der Bewegung angesichts dieses Selbstbildes nicht möglich ist.

Da der Hizmet-Bewegung auch in der Geschichte der Vorwurf gemacht worden ist, dass sie ,,letztendlich“ die Absicht besitzen würde, die politische Macht an sich zu reißen, sah sie sich dazu gezwungen, immer wieder zu unterstreichen, dass sie nicht ,,politisch“ aktiv sein würde.– Moment! Eine zivilgesellschaftliche Bewegung, die nicht politisch aktiv ist?-

Das Verständnis des Begriffs ,,politisch“ (türkisch: siyasi) ist im Türkischen sehr realpolitisch belegt-  man versteht darunter nicht vordergründig die Partizipation bezüglich Angelegenheiten, die die Gesellschaft angehen, sondern viel mehr das parteipolitische Engagement. Daher sind solche Aussagen im türkischen Kontext nachvollziehbar, auch wenn sie Verwirrtheit erzeugen.

Die Hizmet-Bewegung als eine zivilgesellschaftliche Bewegung ist selbstverständlich ein Akteur im zivilen Bereich, doch bedeutet dies nicht, dass sie keine Forderungen an die Politik stellt. Keine Forderungen an die Politik zu stellen, würde bedeuten, dass sie ihrer Aufgabe als Akteur in der Zivilgesellschaft nicht gerecht  werden würde. In einem Staat wie der Türkei, in der die staatlichen Institutionen den Anspruch erheben,  überall und alles reglementieren zu können, ist es um so wichtiger, dass die Zivilgesellschaft die Forderungen  in Bezug auf Rechte und Freiheiten zur Sprache bringt und sich für diese einsetzt. Und wenn man dann noch in Betracht zieht, dass  die Hizmet-Bewegung eine zivilgesellschaftliche Bewegung ist, die auf der globalen Ebene aktiv ist, ist es selbstverständlich, dass sie immer eine gewisse Distanz zu den politischen Machtinhabern bewahrt, damit ihr Ziel- die Förderung des friedvollen  Miteinanders- nicht aufgrund irgendwelcher politischer Machtspiele in Gefahr gerät.

Die Forderungen, die die Hizmet- Bewegung an die Politik stellt, sind dementsprechend auch welche, die sich nach dem Hauptorganisationsprinzip der Bewegung formen; der Kultur des friedvollen Miteinanders. Demokratisierung, Rechte und Freiheiten, die Stärkung der Zivilgesellschaft, die Rechtsstaatlichkeit, der EU- Beitrittsprozess und ähnliche Forderungen, sowie oder besser vor allem eine Verfassung, die diese besagten Rechte und Freiheiten des Menschen unter Schutz nimmt  sind die grundlegenden Forderungen, die die Bewegung an die türkische Politik richtet. Die Bewegung beabsichtigt in keiner Weise einen ,,positiven“ Sonderstatus für sich und kann es aber auch auf der anderen Seite nicht gutheißen, dass Menschen, nur aufgrund der Tatsache, weil sie gegenüber der Hizmet-Bewegung eine Sympathie hegen, mit negativen Konsequenzen zu rechnen haben, wie es derzeit in der Türkei der Fall ist. Die Hizmet-Bewegung wird sicherlich auch nicht in der Zukunft  aufhören, ihre Forderungen gegenüber der Politik auf einer zivilgesellschaftlichen Ebene zur Sprache zu bringen. Sie wird dies mit einer universelleren Sprache tun (müssen), da sie aus dem für sie auch ziemlich komfortablen- weil sehr bekannten- türkischen Kontext auf eine Art und Weise diffamiert wird, die es in dieser Form sogar in der sehr debattenreichen türkischen Politik nicht bis dato gegeben hat. Diese Entwicklung der verwendeten Sprache zu einer universelleren wird auch dazu beitragen, dass neue Kooperationsmöglichkeiten bezüglich der Zielsetzung der Bewegung, der Friedensarbeit, sich ergeben werden. Die benannten soziopolitischen Werte werden in eine funktionellere Sprache übersetzt und diese Übersetzung wird zu einer Klarheit, zu einer aktiveren Transparenz führen.

Die Bewegung, die bezüglich der Werte, die den ,,öffentlichen Raum“ betreffen, eine links-liberale Linie verfolgt, bezüglich der Religiosität aber Gemeinsamkeiten mit der Gesellschaftsgruppierung besitzt, die politisch konservativ-rechts orientiert sind, wird mit der Zeit  bewerkstelligen, diese beiden auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Die Bewegung birgt in sich definitiv das Potential sich zu einer zunehmend diverseren Bewegung zu entwickeln.

Die Hizmet- Sympathisanten sind sich durch die laufenden Debatten in der Türkei noch einmal bewusst geworden, dass es sehr gefährlich ist,  religiöse Werte zu instrumentalisieren- Für sie ist es eindeutig, dass der öffentliche Raum durch und im Namen von ,,Recht und Freiheit“ an Form gewinnen muss und die Politik sich an die Prinzipien der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit orientieren muss.

Führt man sich vor Augen, dass gerade diese klare Stellungnahme für die Freiheit durch die Hizmet-Bewegung in einer Zeit geschieht, in der der repressive politische Islam an Bedeutung in der türkischen Gesellschaft gewinnt, ist es festzustellen, dass die Bewegung durch diese Haltung nochmals bewiesen hat, dass sie ihren Prinzipien und Werten gegenüber treu ist.

Die Hizmet-Bewegung hat eingesehen, dass es nicht für das allgemeine Wohl der Gesellschaft ist, eine politische Partei, die sie bezüglich ihrer demokratisierenden Reformen unterstützt hat, in Bezug auf andere Maßnahmen dieser Partei, die zu kritisieren waren, kritiklos zu belassen- Nun muss sie sich gegen diese Maßnahmen, die die Bewegung zwar nicht öffentlich kritisiert hat, die aber gegen ihre Prinzipien gewesen sind, in einer ausgewachsenen Form behaupten, was kein leichtes Unterfangen darstellt.

Letztendlich steht es aber außer Frage, dass die Hizmet-Bewegung, die kein anderes ,,Kapital“ außer ihren Werten und Prinzipien besitzt, definitiv nicht pragmatisch ist. Die Bewegung wird auch in Zukunft nicht von der zivilgesellschaftlichen Ebene abkommen und ihre Haltung bezüglich gesellschaftsrelevanter Themen noch klarer, noch transparenter zum Ausdruck bringen.

Zusammengefasst lässt sich festhalten, dass die aktuelle Phase der Repression in der Türkei die Auswirkung hat, dass das Potential der Bewegung zu einer universelleren Form ans Tageslicht gebracht wird. Die Bewegung wird eine Sprache finden, die ihr Grundprinzip, die Kultur des friedvollen Zusammenlebens, noch funktioneller und verständlicher zum Ausdruck bringen wird- was auch gleichzeitig dazu führen wird, dass der Dialog und die Zusammenarbeit für den Frieden mit unterschiedlichen Gruppen der Gesellschaft noch mehr gefördert wird.

Für eine Bewegung, die global aktiv ist, ist es notwendig, eine universelle Sprache zu finden. Da Hizmet inspiriert ist von dem Glauben, Gottes Gefallen durch den Dienst an die gesamte Menschheit erlangen zu können, muss sie dieser Inspiration auch durch eine Sprache gerecht werden, die die gesamte Menschheit anspricht.

 

Yasemin Aydin & Fatih Ceran

Die Hizmet-Bewegung: Der Weg von einer passiven Transparenz zu einer aktiven Transparenz

yorumZivilgesellschaftliche Bewegungen sind in einer ständigen Interaktion mit der Gesellschaft, in der sie aktiv sind- natürlicherweise. Die Effizient und der Erfolg dieser Bewegungen steht direkt mit ihrer Anpassungsfähigkeit an die gegebenen Umstände in Verbindung- Als ein ,,lebender“, reeller Akteur ist die Zivilgesellschaft ist in der Hinsicht ambivalent: auf der einen Seite ist sie eine Instanz, die das Potenzial besitzt, die gesellschaftlichen Gegebenheiten zu ändern, als auch eine Instanz, die sich ständig aufgrund der vorliegenden Umstände erneuert und neu definiert. Solche Bewegungen, die es gemeistert haben, in ihrer Gründungsphase sich auf einer Basis zu errichten, die als eine Antwort zu den gesellschaftlichen Debatten gelten kann, werden nicht dazu gezwungen, in weiteren Verlauf ihrer Geschichte radikale Änderungen durchzulaufen- diejenigen, die dies nicht meistern, müssen entweder radikale Änderungen vornehmen oder sich weigern, diese Änderungen vorzunehmen, was dazu führen wird, dass sie mit der Zeit ihre Wirkung verlieren werden.

Beginnend von den 70er Jahren, die die Gründungsphase der Hizmet-Bewegung darstellen, hat die Bewegung bis heute unterschiedliche Hindernisse überwunden und es geschafft, in einer nicht durchgängigen Demokratie eine nachhaltige zivile Bewegung zu bleiben. Auch in Zeiten, in denen der entfremdende Säkularismus einen sehr starken Druck auf die Zivilgesellschaft ausgeübt hat, hat die Hizmet-Bewegung nichts an ihrem Momentum verloren, und unterstrichen, dass es ihr Anliegen ist, der Menschheit, dem gesellschaftlichen Frieden zu dienen. In der Hinsicht ist diese Bewegung, bewertet man sie an den Parametern, die sie diesbezüglich aufgestellt hat, auch durchaus erfolgreich gewesen und ist es auch heute.

In den letzten Jahren jedoch ist die Hizmet-Bewegung unter einem Druck, unter dem sie nicht einmal während der Putschregime ausgesetzt war: In der Türkei werden im Moment alle zur Verfügung stehenden staatlichen Mittel mobilisiert- fernab von einer rechtsstaatlichen Grundlage- um die Hizmet-Bewegung zu diffamieren- Die Reaktion der Hizmet-Bewegung ist jedoch eindeutig: Die Bewegung hat sich in keiner Weise von ihren Prinzipien und Werten entfernt und hält an diesen fest und raffiniert diese, da es notwendig ist, diese Prinzipien und Werte aufgrund ständiger Angriffe klarer und deutlicher zu formulieren.

Eine Rationalisierung auf Grundlage der Grundwerte

 

Der Angriff, den die AKP-Regierung mit den ihnen zur Verfügung stehenden staatlichen Mitteln begonnen hat, ist ein Angriff, der auf vielen Dimensionen stattfindet und der unweigerlich dazu geführt hat, dass die Hizmet-Sympathisanten viele ihrer Anliegen nochmals beleuchtet und analysiert haben. Diese erzwungene Infrage-Stellung jedoch hat nicht dazu geführt, dass sie sich von der Hizmet-Bewegung entfernt haben, sondern im Gegenteil: Ihre Grundprinzipien wurden rationalisiert. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Bewegung basierend auf den soziokulturellen Gegebenheiten der Türkei es nie schwierig hatte, angenommen zu werden, kann man nachvollziehen, dass die Menschen, die die Bewegung befürwortet haben, es nicht für sehr notwendig gehalten haben, die Grundprinzipien zu hinterfragen: Ein Sympathisant der Hizmet-Bewegung zu sein ist leicht gewesen, da etwas ,,Gutes“ getan wurde- und das im Einklang mit der ansässigen Kultur.

Die Tatsache jedoch, dass die Hizmet-Bewegung sich zu einer transnationalen Bewegung entwickelt hat und daher multikulturell ist, führt dazu, dass sie ihren Weg mit dem Ziel des Dienstes an die Menschheit nicht mit einem lokalen Kulturverständnisses begehen kann und dies auch de facto nicht tut. Dass der Bedarf nach einer universelleren ,,Hizmet- Sprache“ spürbar ist, ist angesichts der Tatsache, dass die Grundprinzipien der Bewegung sich auf einer universellen Basis bestehen und gelichzeitig das Anliegen dieser transnationalen Bewegung der universelle Frieden ist, nicht verwunderlich- es bestand in der Tat eine Asymmetrie zwischen den universellen Aktivitäten der Bewegung und der noch sehr stark von der lokalen Kultur geprägten Sprache der Hizmet-Bewegung. Der erwähnte Druck und die Angriffe, denen die Hizmet-Bewegung zur Zeit ausgesetzt ist, haben eben dazu geführt, dass die Bewegung –ohne von ihrem Paradigma abzuweichen- eine Rationalisierung durchgemacht hat und in der Hinsicht- durch eine rationalere Sprache- transparenter geworden ist.

Teamgeist und Vertrauen

Die ständige Diffamierung, die bereits extreme Ausmaße genommen hat –die Anbindung des öffentlichen Nahverkehrs an eine Hizmet-nahe Universität wurde z.B. von heute auf morgen einfach ,,eliminiert“- haben dazu geführt, dass die Hizmet-Sympathisanten ein stärkeres Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt haben, da um einen einfach alle eines feststellen mussten: Alle Anschuldigungen sind aus der Luft gegriffen, es gibt bis dato immer noch keinen einzigen handfesten Beweis. Die Anschuldigungen der Regierung sind im wahrsten Sinne des Wortes so lächerlich, dass die Hizmet-Sympathisanten die ganze Aufführung nicht mehr ernst nehmen können und sich lustig darüber machen- ohne Humor wären die Beschuldigungen bezüglich eines ,,Parallel-Staates“ nicht wirklich erträglich…

Die Bewegung, die auch in so einer Extremsituation wie dieser, nicht von ihren Grundprinzipien gewichen ist, hat unbestritten bewiesen, dass sie ihren Werten treu ist, was sowohl kollektiv, als auch individuell zu einem Vertrauensaufbau geführt hat: Es ist klar, dass die Hizmet-Bewegung keine pragmatische Bewegung ist und ihren Werten, sei es um den Preis der extremen Diffamierung, die Treue bewahrt. Hizmet verlässt in keiner Weise und unter keinen Umständen den demokratischen Weg und radikalisiert sich nicht- gleichgültig wie stark sie entfremdet wird.

Von einer passiven Transparenz hin zu einer aktiven Transparenz

 

Die Menschen, die sich in Hizmet partizipieren, besitzen aufgrund dieser Tatsache mehr Wissen über die Bewegung als diejenigen, die es nicht tun. Dies ist aber etwas, was durchaus normal ist. Die Tatsache, dass diese Informationen nicht für alle zugänglich sind, ist jedoch etwas, was nur aufgrund der Hizmet- Geschichte verständlich wird: Erstens, hat Hizmet ist versäumt, sich selbst erfolgreich der ,,Außenwelt“ zu erklären- die Tatsache, dass man ,,Gutes“ tut, hat die Bewegung zu der Annahme verleitet, dass die ,,guten Taten“ sich selber ausreichend erklären würden.

Der zweite Grund: Das allgemeine Misstrauen gegenüber zivilen Bewegungen in der Türkei. Die in der Türkei herrschende autoritäre politische Kultur hat dazu geführt, dass sich in der Türkei keine zivile Kultur, geschweige denn eine zivile Tradition gebildet hat.  Das Gewaltmonopol des Staates wird in jeder entwickelten Demokratie durch eine aktive Zivilgesellschaft in ihre Stränge gewiesen und es verständlich, dass ein autoritärer Staat die Entwicklung einer gesunden Zivilgesellschaft nicht mit Jubel antwortet. Eine aktive, geusnde Zivilgesellschaft ist ein Schutzschild für das Individuum gegenüber der Staatsgewalt. In der türkischen Politiklandschaft ist dies aber leider nicht der Fall: Das Individuum ist auf sich selber gestellt, wenn es darum geht, seine Recht gegenüber dem Staat zu schützen, da in der Gesellschaft ein sehr großes Misstrauen gegenüber zivilen Bewegungen vorhanden ist. Daher ist es auch teils nachvollziehbar, dass die Hizmet-Bewegung ihre Anliegen nicht aktiv und klar genug zur Sprache gebracht hat und dies dazu geführt hat, dass Außenstehende Probleme damit hatten, Hizmet ohne Misstrauen zu begegnen.

Diese beiden Gründe und die Tatsache, dass das Paradigma in einer amorphen Weise zur Sprache gebracht worden ist, hat dazu geführt, dass die Bewegung eine passive Transparenz entwickelt hat- eine Transparenz für diejenigen, die sich partizipiert haben.

Die aktuelle Situation jedoch hat dazu geführt, dass die Bewegung sich bewusst geworden ist, dass es nicht ausreicht, die ,,guten Taten“ für sich sprechen zu lassen, sondern offen aufzuklären- damit Missverständnisse beseitigt und auch zukünftige Missverständnisse verhindert werden. Analysiert man die Stellungnahmen der Hizmet-Bewegung ist eines deutlich festzustellen: Das Streben nach einer aktiven Transparenz.

 

Yasemin Aydin & Fatih Ceran

Die Hizmet-Bewegung- nach den Wahlen

Der 30. März hat keine Überraschungen gebracht. Die AKP ist siegreich aus den Wahlen gegangen und hat gezeigt, dass sie in naher Zukunft die politische Autorität halten wird. Die Hizmet-Bewegung hat die AKP in diesen Wahlen nicht unterstützt, nicht nur weil sie die Politik Erdogans in Bezug auf Demokratie, EU-Beitritt und zivile Verfassung nicht befürwortet hat, sondern auch wegen der Hasspolitik, die die Regierung nach dem Korruptionsskandal gegenüber der  Hizmet-Bewegung richtete. Die AKP hat die Werte der Gesellschaft funktionalisiert und sie zu seinen Instrumenten gemacht. Herzlichen Glückwunsch.


Wir werden den Versuch unternehmen, die Folgen dieses Wahlergebnisses für die Hizmet-Bewegung zu prognostizieren.

Während der Wahlperiode, hat Hizmet seinen zivilen Charakter sehr klar gezeigt: Die Hizmet-Bewegung hat es geschafft, die Distanz zwischen sich selber und einer Regierung, die mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mittel versucht, die Zivilgesellschaft unter seine Kontrolle zu bringen, aufrecht zu erhalten und sich nicht kontrollieren zu lassen. Eine Bewegung, die finanziell, personell oder projektorientiert abhängig von der Regierung ist, hätte nicht so reagieren können.

Die letzten Debatten um Hizmet, haben es deutlich gemacht; Hizmet ist in einem Punkt sehr hartnäckig: Gleichgültig was passiert, man bleibt den demokratischen Werten treu und fordert von der Politik die Rechte und Freiheiten auf zivilgesellschaftlicher Basis.

Auch dann, wenn  mehr als 900 Nachhilfeeinrichtungen unberechtigt und mit einem verfassungswidrigen Gesetzt verboten werden. Die Hizmet-Bewegung hat protestiert: durch die Medien- sowohl die klassischen, als auch die sozialen Medien wurden aktiv verwendet um sich Gehör zu verschaffen. Ein anderer Weg wäre auch nicht möglich gewesen: Die Hizmet-Bewegung, die sich als zivile Bewegung definiert und eine pluralsistische Basis mit den Werten der Demokratie, Menschenrechte und Freiheit besitzt, kann und wird auch ihre Werte und Meinung immer basierend auf diesen Werten vertreten.

Für die Kontinuität der Demokratie sind Hizmet und ähnliche soziale Bewegungen, deren zivile Forderungen an die Politik sehr wichtig. Die oft wiederholte Aussage ,,Hizmet soll sich nur um die Bildung kümmern und sich von anderen Angelegenheiten raushalten” ist ein Anzeichen für eine Auffassung, die die Zivilgesellschaft nur in bestimmte Felder eingrenzt und die Forderungen auf demokratischer Basis behindert. Die Demokratie lebt jedoch davon, dass sie hinterfragt wird, dass sie kontrolliert wird, dass die zivile Gesellschaft die Möglichkeit zur Partizipation findet. In demokratischen Systemen wird das System nicht nur die Justiz beaufsichtigt. Die Gesellschaft organisiert sich, stellt Forderungen an den Staat- dies ist auch das natürlichste Recht. Der Staat erhält seine Legitimität von der Gesellschaft ( und den Individuen) und verwendet seine Kraft durch diese Legitimität. Diese Forderungen führen dazu, dass sich die Demokratien weiter entwickeln. Ein Staat, von dem nichts gefordert wird, wird nicht von sich selber auf die Idee kommen transparent zu werden, noch wird er auf die Idee kommen, Rechenschaft abzulegen. Man braucht keine externen Beispiele hierfür, es reicht aus, sich die aktuellen Ereignisse in der Türkei zu vergegenwärtigen…

Die Debatten haben es verdeutlicht: Sowohl die formellen, als auch die informellen Bildungsformen der Hizmet-Bewegung waren erfolgreich. Die Bewegung, die als ,,Virus, Assasine, blutsaugende Vampire, Terrororganisation” usw. beschimpft wurde, deren ideologischer Gründer Fethullah Gülen mit durchaus interessanten (!) und innovativen (!) Attributen wie ,,falscher Prophet, Scheinwissenschaftlicher, Führer der Terrororganisation etc.” ausgezeichnet wurde, hat seinen Diskurs und seine ethische Haltung, Basis nicht geändert.  Dies ist sehr wichtig, denn auch wenn es dazu kommt, dass alle Institutionen der HIzmet-Bewegung unrechtmäßig geschlossen werden sollten: Solange die Hizmet-Bewegung ihre normative Grundlage nicht verliert, wird sie immer wieder die Kraft finden, sich zu erneuern und neue Wege für ,,Hizmet”, also den Dienst an die Menschheit zu finden…

Hinzukommt, dass die mittlerweile globale Erfahrung der Hizmet-Bewegung ein weiterer Beweis für die Aufrichtigkeit der normativen Gundlage der Bewegung ist und dies zu einer viel stärkeren und vor allem globaleren Dynamik führen wird.

Die Bewegung hat unter Beweis gestellt, dass sie –koste es, was es wolle- die religiösen Werte nicht funktionalisieren wird und die moralischen Werte in der Basis halten wird. Sogar als sie durch die entleerte und populistische Form dieser religiösen Werte angegriffen wurde, war sie nicht mit diesen Werten an der Front; sie hat nicht um einer populistisch- politischen Identität willen ihre moralischen Ideen und Werte funktionalisiert und hat auch nicht angefangen mit nationalistische angehauchter Propaganda die Gesellschaft noch mehr zu polarisieren.

Auch wenn die Tagesordnung mit Themen überlaufen ist, die nichts anderes bezwecken, mit einem  Nebel die eigentlichen Probleme zu verschleiern, wird dies nicht auf Ewigkeit möglich sein. Die Türkei wird sich normalisieren und die Gesellschaft wird wieder zu seinem Gleichgewicht finden- dann wird auch der Zeitpunkt gekommen sein, in dem man die Vorfälle noch mal beleuchtet. In der Hinsicht haben die Hizmet- Angehörigen unfragwürdig der Zukunft ein sehr schönes Erbe hinterlassen:

Sie haben bewiesen, dass sie trotz aller Diffamierung, Verleumdung nie von ihren ethisch-moralischen Werten ablassen, sie werden nie den Weg der Radikalisierung gehen- gleichgültig, in welcher Krisensituation sie sich auch befinden mögen.

Die letzten Ereignisse haben eigentlich zu etwas sehr Innovativem in der Bewegung geführt:

Hizmet wird in der Zukunft die sozio-kulturelle Tradition, in deren Umfeld sie entstanden ist, kritischer hinterfragen und wird das Prinzip des ,,individuellen” Islams, das in seinem Paradigma vorhanden ist, mehr in den Vordergrund stellen und konkreter formulieren. Die Bewegung wird somit seinen zivilen Charakter nochmals unterstreichen und die Ermöglichung der individuellen Freiheiten in ihr öffentlich definieren. Man kann dies vielleicht als eine Art ,,die Tradition kritiserende Religiösität” betrachten. Dies entspricht ja eigentlich auch der Praxis: Die Hizmet-Bewegung, die überall auf der Welt Projekte durchführt, in Kontakt ist mit hunderten von Ethnien, Religionen und Kulturen ist und somit eindeutig global ist, kann nicht in der ,,Tradition” gefangen bleiben und muss sich öffnen bzw. İst bereits offen.

Die traditionelle Linie in der Entwicklung der Bewegung hat auch natürlicherweise dazugeführt, dass die politische Orientierung der Hizmet-Sympathisanten  teilweise traditionell oder besser konservativ rechtsorientiert gewesen ist;  dies wiederum führte zu einer Asymmetrie zwischen dem pluralistischen Charakter der weltweiten Projekte der Bewegung und eben dieser politisch konservativen Orientierung. Die letzten Ereignisse haben eben auch zu einer Hinterfragung dieser konservativen Einstellung geführt und die politische Einstellung der Hizmet-Sympathisanten nach ,,links”, in eine liberalere Position gebracht: Also in eine, der ihrem pluralistischem Charakter in ihrer zivilen Art mehr entspricht, nah zu dem gesellschaftlichen Zentrum ist.

Diese Nähe zu dem gesellschaftlichen Zentrum wird zu einem aktiveren Austausch mit den ,,linksorientierten” Gruppen der Gesellschaft führen, was sicherlich für beide Seiten eine Bereicherung sein wird. Es ist dabei wichtig, dass die Hizmet- Bewegung eine Sprache, eine Terminologie findet, die sowohl die konservative Bevölkerung, als auch die linksorientierte Bevölkerung nicht ausgrenzt und seinen pluralistischen Charakter auch in der Hinsicht beibehält…

Zusammengefasst sind wir überzeugt davon, -gleichgültig wie die politische Landschaft in der Türkei sich ändern wird-, dass die Sympathisanten von Hizmet ein sehr gutes Beispiel  und ein ,,stolzes Erbe” für die kommenden Generationen hinterlassen haben:

Indem sie gezeigt haben, dass sie- gleich, unter was für einem Druck sie stehen, egal, was ihnen vorgeworfen wird, egal, wie sie diffamiert werden- an ihren Grundprinzipien festhalten und nicht sich der Konjunktur entsprechend ,,verbiegen”…

Fatih Ceran & Yasemin Aydin