Säkularismus als eine Zwangsjacke: das Fallbeispiel Türkei

SkularismusEs ist das Jahr 1946. In der türkischen Nationalversammlung wird eine heiße Debatte geführt.

Hamdullah Suphi, ein Vertreter der Regierungspartei, schlägt vor, in das Curriculum den Religionsunterricht als Maßnahme und Prävention gegen die ,,Kommunismusgefahr“ einzuführen. Der Regierungspräsident, Recep Peker, unterbricht ihn und bringt ihn zum Schweigen: ,,Das wäre nichts anderes als ein Gift mit einem anderen Gift auszutauschen.“

Für viele Jahre galt diese Debatte als ein exemplarisches Beispiel für die Natur des türkischen Säkularismus. Seine zwei Hauptströmungen sind in dieser Debatte sehr gut ersichtlich geworden: Auf der einen Seite schlägt Suphi den Religionsunterricht vor, weil es nützlich sein könnte, den Kommunismus zu verhindern. Auf der anderen Seite repräsentiert die Argumentation von Recep Peker die Dominanz des Säkularismus; Religion wird als etwas betrachtet, dass definitiv der Vergangenheit angehört, wird für ein archaisches Hindernis auf dem Weg des Fortschritts von einer traditionellen zu einer modernen Gesellschaft gehalten; daher sei der Religionsunterricht, in egal welcher Form, gefährlich.

Während die erste Auffassung die Instrumentalisierung des Islam zu politischen Zwecken in Anspruch nehmen möchte, kann die zweite Auffassung nicht einmal dies tolerieren; die religiöse Sichtbarkeit kann in keiner Weise akzeptiert werden.

Allerdings gibt es auch noch eine dritte Auffassung. Am 25. Januar 2014 definierte Regierungspräsident Erdogan im Rahmen einer Versammlung der Höchsten Religiösen Instanz –DIYANET – vor den Muftis (den offiziellen Erteilern der islamischen Rechtsgutachten), was der richtige Glaube sei. Er übernahm es tatsächlich, die versammelte Mannschaft islamischer Gelehrter in Bezug auf den „wahren Glauben“ aufzuklären. Anscheinend wollte er zeigen, wer der Boss ist. Darüber hinaus attackierte er den populärsten zivil-islamischen Gelehrten und diffamierte ihn als „falschen Propheten“. Es passierte zum wiederholten Mal, dass keine Toleranz für das zivile Verständnis der Religion aufgebracht wurde. Es passierte zum wiederholten Mal, dass der Staat im sozialen Bereich intervenierte und seine eigene Auffassung durchsetzte – eine komplette Kontrolle und Monopolstellung im religiösen Diskurs.

Der türkische Staat wollte die Religion sowohl in der Theorie als auch in der Praxis kontrollieren

In diesen drei unterschiedlichen Varianten des türkischen Säkularismus wollte der türkische Staat die Religion sowohl in der Theorie als auch in der Praxis kontrollieren. Wie auch immer – esist festzuhalten, dass der Staat bezüglich des Säkularismus keine konkrete Vorstellung besitzt. Der konzeptionelle Rahmen von Louis Althusser hat diesbezüglich eine sehr gute erklärende Kraft:

Wenn man von dem Staat spricht, spricht man von zwei unterschiedlichen Dingen: Auf der einen Seite von der Staatsmacht, auf der anderen Seite von seinen Staatsapparaten. Die Staatsmacht kann sich ändern, doch die Staatsapparate bleiben meistens von dieser Veränderung unberührt, unverändert.

Der Staat übt seine Macht durch seine Apparate aus, die Althusser in zwei unterteilt: Repressive Staatsapparate (RSA) und Ideologische Staatsapparate (ISA). Die RSAs stehen zur Verfügung für die Durchsetzung und, wenn nötig, Gewalteinsetzung, wie zum Beispiel das Militär, die Polizei, die Regierung und die Gerichte. Die ISAs kreieren die ideologischen Grundlagen für die herrschende Klasse und rechtfertigen die Herrschaft durch die „Produktion“ einer Zustimmung in der Gesellschaft. Alle Institutionen der Macht –von der Legislative über die Exekutive bis zur Judikative – werden dazu verwendet, die Kontrolle über der Gesellschaft zu behalten. Im türkischen Kontext betritt noch ein weiterer wichtiger Akteur die Szene: das türkische Militär, das ja eigentlich auch zur Exekutive gehört. In diesem Artikel werden wir einen Fokus auf die Repressiven Staatsapparate legen.

In den formenden Jahren des türkischen Säkularismus –zum Beispiel in 1937, während des Einparteiensystems in der Türkei –reflektiert das Statement des Innenministers Sükrü Kaya, in einer Debatte über den Säkularismus kristallklar das repressive Verständnis: „Wir sind der Meinung, dass Religion im Gewissen und in den Tempeln eingeschlossen bleiben sollte. Religion sollte in das weltliche Leben nicht intervenieren und im Alltag keine Rolle spielen.“ Es scheint so, dass in dem Staat und seinen Institutionen Harmonie in Bezug auf das Verständnis des Säkularismus herrscht.

Regierungen und das Parlament waren nicht die einzigen Akteure der säkularen Politik

Nach 1950 (dem Beginn des Mehrparteiensystems in der Türkei) formten die Wahlen das Parlament und die Regierungen, sprich die Legislative und die Exekutive. Die Änderung in den politischen Präferenzen der Öffentlichkeit verursachten auch Schwankungen sowohl im Parlament als auch in den Regierungen. Dies spiegelte sich auch in der Politik bezüglich des Säkularismus wieder. Eine der ersten Aktionen der demokratischen Parteien war es, das Verbot des Ezans (dem Ruf zum Gebet) in Arabisch aufzuheben.

In der Mitte der 90er-Jahre propagierte Necmettin Erbakan (der Mentor und ehemalige Führer von Recep Tayyip Erdogan) eine politisch-islamistische Sichtweise. Erbakan sagte: „Unsere Partei wird an die Macht kommen –ob friedvoll oder mit Blut.“ Er unterminierte öffentlich die Demokratie und die demokratischen Mittel der Macht. Wie auch immer, die Regierungen und das Parlament waren nicht die einzigen Akteure der säkularen Politik; das Verfassungsgericht und das türkische Militär waren sehr effektive bestimmende Akteure in dieser Arena.

In der Verfassung von 1937 und in der jetzigen Verfassung, die vom Militär nach dem Putsch von 1980 ausgearbeitet wurde, definiert Artikel 2 den Staat als säkularen Staat, und Artikel 4 verbietet sogar den Vorschlag dies zu ändern.

Der Säkularismus ist sehr gut in der Verfassung verwurzelt, und die Verfassung dient als Anker, um ihn zu schützen. Allerdings führt die Tatsache, dass es keine klare Definition des Säkularismus in der Verfassung gibt, dazu, dass die Urteile des Verfassungsgerichts eine sehr wichtige Rolle für den ,,Repressiven Staatsapparat“ spielen.

Am 7. März 1989 entschied das Verfassungsgericht wie folgt: „Säkularismus schließt die säkularen Einstellungen sowohl des Staates als auch der Gesellschaft ein… Säkularismus ist der moderne Regler des politischen, sozialen und kulturellen Lebens…Bezogen auf unsere

Zukunft, ist der Säkularismus unsere Hauptquelle… Säkularismus verlässt sich auf das freie Denken ohne die Grenzen des metaphysischen Gedankenguts auf individueller, sozialer und staatlicher Ebene“ Diese Definition des Säkularismus ist offensichtlich weit entfernt von einer neutralen Staatseinstellung gegenüber der Religion und versucht, in die Lebensstile der Individuen zu intervenieren. Die politischen Parteien, die von Necmettin Erbakan gegründet wurden –die Milli Nizam Partei (verboten in 1971), die Refah-Partei (verboten in 1998) und die Fazilet-Partei (geschlossen in 2001) –, wurden vom Verfassungsgericht unter dem Vorwand von „irtica“, einer sehr vagen Bezeichnung für religiöse Unterwanderung, und vor allem wegen desislamistischen Diskurses verboten.

Ein autoritärer Säkularismus ist das zentrale Element der türkischen Republik in ihrerGründung gewesen Der Staatsapparat, der in Bezug auf den Säkularismus am stärksten determiniert ist, ist ohne Frage das türkische Militär (TSK). Das TSK betrachtet sich selbst als Hauptwächter der „republikanischen“ Werte, in deren Mitte der Säkularismus steht. In der staatszentrischen Tradition der Türkischen Republik war das türkische Militär das Zentrum des Zentrums. Das türkische Militär intervenierte seit Beginn der Demokratie genau vier Mal in die zivile Politik: 1960, 1971, 1980 und1997. All diese Putsche hatten gemeinsam, dass sie im Zentrum eine kemalistische Auffassung besaßen, welche einen autoritären Säkularismus förderte. All diese Putsche fanden zu Zeiten statt, in denen konservative Parteien, die nicht so säkular waren, an der Macht waren.

Das türkische Militär behauptete sich auch in der Judikative. In dem Prozess des letzten Putsches in 1997 organisierte das Militär Briefings für die oberste Gerichtsbarkeit, die von ihm sehr geschätzt wurde. Darüber hinaus unterstützten der Oberste Gerichtshof (Yargitay) und das Verfassungsgericht das Militär in seinem Standpunkt über den Säkularismus.

Die offizielle Erklärung des Nationalrates (MGK) für die letzte erfolgreiche Intervention in 1997 unterstreicht: „Die Gruppen, die eine islamische Republik basierend auf der Sharia gründen wollen, stellen eine multidimensionale Bedrohung für den demokratischen, säkularen, sozialen Verfassungsstaat dar… Um diese ernste Bedrohung zu verhindern, müssen alle möglichen Maßnahmen getroffen werden und MGF teilt der Regierung mit, dass…“ Es wird deutlich gemacht, dass alles Erdenkliche gemacht werden soll, um den säkularen Charakter des Staates zu schützen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ein autoritärer Säkularismus das zentrale Element der türkischen Republik in ihrer Gründung gewesen ist und dies auch in den folgenden Jahrzehnten angehalten hat. Der Staat behauptet, das Recht zu besitzen, durch seine Staatsapparate – angefangen von der Regierung, dem Parlament bis hin zu der Verfassung und dem Militär – sein Verständnis von Säkularismus zu verbreiten. Es steht nicht infrage, dass der türkische Säkularismus ein Instrument für die Ausnutzung der Religion zu politischen Zwecken darstellt –gleichgültig, ob Kemalisten oder Islamisten an der Macht sind. Die Ersteren versuchen mit aller Macht, die Religion aus dem öffentlichen Leben zu verbannen, die Letzteren unternehmen den Versuch, die Religion aufzuzwingen. Ungeachtet, wer an der Macht ist. Die Politik in Bezug auf die Religion ist in der Türkei stets staatsorientiert und der Staat interveniert in die Gesellschaft mit den ihm zur Verfügung stehenden repressiven Staatsapparaten.

Fatih Ceran & Yasemin Aydin

Die Manipulation kultureller Schwachpunkte als eine politische Strategie

Politik basiert auf einer normativen Grundlage, die sie selber nicht produziert, aber von der sie sich ernährt, so Habermas. Diese präpolitischen Normen haben ihre Wurzeln in den Traditionen und Religionen und/ oder im modernen Sinne  in ihrer ,,Kultur“.  

 

Es ist die Aufgabe der Politiker, die allgemein von der Gesellschaft empfundenen Werte und Gefühle in den politischen Diskurs zu übersetzen- inwiefern ihnen das gelingt, hängt mit der – um es mit den Begriffen von Habermas zu beschreiben- ,,Vernünftigkeit“ ab, die die Gesellschaft in dem jeweiligen politischen Programm findet.  Insofern ist die Dynamik der Politik von dem ständigen des Ausgleiches der Spannung  zwischen der Gesellschaft und der Politik bestimmt:

Die gesellschaftliche Existenz ist sozusagen das Rohmaterial von dem sich die PolitikerInnen ihre erwünschte Mobilisation formen und die Wahlstimmen ansammeln: Die Politik spricht die Empfindungen, die von Angst bis hin zur Verärgerung reichen. Sie nutzt diese und manipuliert sie manchmal, um die politischen Ziele zu erreichen.

Die Grenzen der politischen Manipulation oder sagen wir Intervention sind in einer ,,gesunden“ Gesellschaft durch die Rechts- bzw. Staatsethik bestimmt- was letztendlich auch normal ist, da man nicht erwarten kann, dass jeder einzelne Schritt eines Politikers durch die Gesetzte kontrolliert wird. Man nimmt an, dass ein Politiker, der ja ,,von Beruf aus“ die Gesellschaft darstellen soll, im Einklang mit den ethischen Vorstellungen jener Gesellschaft handelt. Was aber nun, wenn der eine oder andere Politiker der Meinung ist, dass er nicht einem Wertesystem gegenüber verantwortlich ist, sondern selbst die ontologische Macht besitzt, Werte zu bestimmen? Oder sogar noch einen Schritt weitergeht und die Definition von dem ,,wahren Glauben“ formuliert?! So eine Art der Politik ist für die PolitikerInnen natürlich sehr willkommen zu heißen: Solange die ,,populären“ Gefühle unter Kontrolle gehalten werden, ist es sehr leicht die legalen Grenzen zu hintergehen und der Weg ist offen für alles.

 

Solch ein politisches Mindset fühlt sich frei, die Gesellschaft in Bezuf auf den Wahlerfolg ohne jegliche Grenzen zu manipulieren. Die Politik der AKP ist ein gutes Beispiel für diese Art der Manipulation; der politische Genius der Partei kennt die kulturellen Schwachpunkte und die kulturell bedingten,sensiblen Punkte der Gesellschaft sehr gut und weiß sehr gut, wie man sie manipuliert:

Kultur ist die Akkumulation der sozialen Erfahrung, die eine Gesellschaft nachhaltig prägt; sie umfasst Konflikte, schmerzhafte Erinnerungen, Solidaritätsempfinden, den Rahmen des gesellschaftlichen Konsenses und die eventuellen Gründe von einem Mangel von diesem. Nicht nur die funktionellen, sondern auch die ,,kränklichen“ und disfunktionellen Seiten der Kultur entwickeln sich über Zeit und gewinnen mit einer Zeit ,,Nachhaltigkeit“.

Kommen wir nun zu den Schwachpunkten und der meisterlich geführten Manipulation der AKP bezüglich dieser:

 

Die historische ,,Rückzug“  & ,,Jeder hasst uns“

Als der größte Erbe des Osmanischen Reiches, erinnert sich das Türkische soziale Gedächtnis an das Rückzug seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts. Die Reformen des 19. Jahrhunderts waren leider nicht erfolgreich und brachten nicht den ersehnten internen Frieden und die Stabilität: dies hielt bis zu der Gründung der Türkischen Republik an. In der Katastrophe des Ersten Weltkriegs musste das Osmanische Reich fast an jeder Grenze kämpfen- der Westen unterstützte die Feinde des Osmanischen Reiches. Die Türkische Republik konnte nach einer sehr langen Zeit der Rückzugs, der Resignation gegründet werden und die Reflexionen dieser schmerzvollen Ereignisse sind bis heute in dem Gedächtnis der türkischen Gesellschaft vorhanden.

Das Dasein solch einer Erfahrung führt zu einer Isolation und kreiert eine hohe Sensibilität in Bezug auf das ,,Alleinsein“. Die AKP-Regierung weiß es bzw. wusste sehr gut, diese Sensibilität auszunutzen. Die Gezi- Proteste zum Beispiel waren eine Verschwörung von Außenmächten bzw. nur durch die Unterstützung der EU möglich, die dies unterstützten, weil sie neidisch darauf waren, dass die Türkei die dritte Brücke in Istanbul und einen Flughafen baut. Der Korruptionsskandal wurde mit der Verwendung einer Rhetorik überschattet, in der eine zivile Bewegung-Hizmet- vorgeworfen wurde, mit Außenmächten wie den USA und Israel gemeinsam zu arbeiten, um die Regierung zu stürzen. Diese irrationale Rhetorik fruchtete in dem Boden derjenigen, die die beschriebene nationale Isolation spüren.

 

Militärische Putsche & ,,der Putsch gegen den nationalen Willen“

Das Militär hat seit dem frühen Beginn der Republik eine sehr wichtige und besondere Rolle innerhalb der Türkei. Die Türkei ist ein Staat, das nach vielen großen Kriegen gegründet wurde. Beginnend mit dem Militärstreich 1960, entwickelte sich die Rolle der Republik zunehmend mehr zu dem „Wächter der staatlichen Werte“. Diese Rolle ausnutzend intervenierte das Militär insgesamt viermal in die Demokratie und unterbrach sie. Diese undemokratische Erfahrung in der Geschichte der Türkei machte es für die AKP sehr leicht: Sie konnte eine sogenannte zivile Putschgefahr gut verkaufen.

Das Fehlen des Vertrauens in die Gesellschaft & ,,Der Staat soll alles kontrollieren“

Die weit verbreiteten internen Konflikte in den 70er Jahren haben zu einer internen Skepsis innerhalb der türkischen Gesellschaft geführt. Der ,,Andere“ war nicht vertrauenswürdig und stellte stets eine Gefahr dar. Diese Gefahr konnte nicht zivil beseitigt werden und daher sollte- zugunste der Stabilität- der Staat alles kontrollieren. Kurz: Wir wollten einen sehr großen Leviathan als Staat, der alles unter seiner Kontrolle haben sollte. Daher war die Reaktion der Gesellschaft auf die Maßnahmen und neuen Gesetze, die die individuelle Freiheit sehr stark beeinträchtigen und dazu führen, dass der türkische Geheimdienst fast allumfassende Berechtigungen bekommt, eine sehr milde, um nicht zusagen, eine, die gar nicht vorhanden war.

 

Säkularer Exkluvismus und ,,der gläubige Regierungspräsident“

Die Türkische Republik kam durch einen säkularen Nationsbildungsprozess auf die Welt. Der Positivismus a la Comte war sehr dominant in der Prägung der Mindsets der Gründerväter der Republik, die die Religion als etwas betrachteten, dass in die alte Tage gehörte und von dem man sich entfernen musste. Diese Ideologie institutionalisierte sich so stark, dass die alte Elite diesen Säkularismus als einen Vehikel verwendete, um an der Macht zu bleiben und die religiösen Menschen von der Partizipation abzuhalten.

Dies führte dazu, dass die religiösen und traditionellen Referenzen von der herrschenden Elite ,,ausgelöscht“ wurden und die Massen, die definitiv die Mehrheit der Gesellschaft darstellten, von der staatlichen Herrschaft ausgegrenzt wurden. Erdogan, der von dieser ausgegrenzten Schicht kommt und diese repräsentiert, hat eine sehr starke politische Position und eine Führungskraft und wurde zum Bild dessen, dass es doch anders geht. Dies hat natürlicherweise dazu geführt, dass die religiöse Mehrheit, die es sichtlich genießt, dass ,,einer von ihnen“ an der Macht ist, die Augen und Ohren vor allen negativen Dingen schließt bzw. schließen möchte und die Schwächen und Fehler der Regierung nicht wahrnehmen möchte.

 

Die nicht ausgesprochene Akzeptanz der Korruption &,,Jeder stieht, aber diese haben wenigstens dabei etwas geleistet“

Die Reizschwelle für Korruption ist in der Türkei sehr hoch. Die jüngere Generation ist mit der never-ending Stories über Korruptionen groß geworden und Korruption ist leider zum Alltag der Türkei geworden. Die Korruptionsermittlungen haben bei uns allen den Anschein erweckt, dass die AKP es sogar geschafft hat, ein System in die Korruption zu bringen. Erdogan beschließt eine Firma von einer staatlichen Ausschreibung auszuschließen, z.B., aber er tut dies für das Gute der Gesellschaft. Sehr teure staatliche Grundstücke werden sehr günstig an eine regierungsnahe NGO verkauft, aber dies ist auch im Gunste des Staates. Das ganze geht so weit, dass regierungsnahe Theologen Versuche unternehmen, die Korruption religiös rechtzufertigen.

Und: ,,Jeder hat gestohlen“. Diese Regierung hat dazu was geleistet; Sie haben Straßen, öffentliche Gebäude, eine dritte Brücke am Bosporus und nicht zu allerletzt, einen dritten Flughafen in Istanbul gebaut. Die PR-Abteilung der AKP wusste es sehr gut, diesen positiven Unterschied zu betonen und zu unterstreichen; moralische Bedenken sind in diesem Umstand doch obsolet!

Lange Rede, kurzer Sinn:

Herzlichen Glückwunsch liebe AKP, die Rechnung ist aufgegangen!

 

Yasemin Aydin-Fatih Ceran

Ist der politische Islam eine Säkularisierung der Religion?

islammDer politische Islam ist eine in der islamischen Geografie verbreitete Richtung der Politik, die Religion als Referenzrahmen für die soziale Ordnung betrachtet: Diese Richtung sieht in der Politik das Mittel zur Etablierung der eigenen religiösen Ansichten. Sie basiert darauf, dass die Religion in erster Linie eine idealisierte Gesellschaftsordnung ist und dass es die Pflicht und Aufgabe der ,,Herrschenden“ sei, die politische Ordnung aus der Religion hervorzurufen und eine ,,der Religion entsprechende“ politische Struktur zu etablieren.

 

Die Geschichte des politischen Islam ist eng mit der kolonialen Erfahrung verbunden.

Diese unangenehme Berührung mit den Kolonialmächten hat zwei große Probleme verursacht: Zum einen den Verlust des Selbstvertrauens, zum anderen eine sehr problematische, feindliche Haltung gegenüber den ,,Fremden“, die der politische Islam historisch bedingt als Eindringlinge, als böse Unterdrücker wahrnimmt.

Die Tatsache, dass die Kolonialmächte die Unterdrückung stets in der Form einen institutionalisierten Macht durchgesetzt haben, nämlich in ,,staatlicher“ Form, hat automatisch dazu geführt, dass die Funktionalität des Staates als eine Ebene der Durchsetzung der eigenen Ideale aufgefasst wurde: Da der Staat traurigerweise auch in der postkolonialen Ära ein Instrument der Unterdrückung durch die „eigene“ Elite gewesen ist, sind die Vertreter des politischen Islam der Auffassung, dass sie durch die staatliche Macht das Recht und die Möglichkeit besitzen, ,,anderen“ ihre Meinung zu diktieren, in ihre Lebensweise einzugreifen, sie zu „unterdrücken“.

Das geht sogar so weit, dass zum Beispiel einer der wichtigsten Vertreter des politischen Islam, Sayyid Qutb, das zentrale Glaubensbekenntnis des Islam „Es gibt keinen Gott außer Allah“ als einen Slogan für den Aufstand der  „Muslime“gegen die „nicht-islamische“ Autorität betrachtete und damit sogar diesen politisierte.

Die Islamisten, die Anhänger des politischen Islam, setzen die Herrschaft, die Macht zur Bestimmung des öffentlichen Lebens gleich mit der Herrschaft des Islam, was dazu führt, dass die Religion –der Islam ­– zwangsläufig als eine weltliche Herrschaft definiert wird.

Durch die Übernahme des Staates (auch durch Einsatz von demokratischen Mitteln) kann nach der Auffassung der Islamisten der Islam im politischen Diskurs vertreten und die Umsetzung der Scharia gewährleistet werden. Nun lehrt die Geschichte der Menschheit aber in Bezug auf die Politik eindeutig eines: Jede Richtung in der Politik führt zu einer Vereinigung und zu einer Teilung der Gesellschaft; eine Inklusion durch „Gemeinsamkeiten“ und eine Exklusion durch „Unterschiede“: Jede politische Kampagne verfremdet ihre Gegner und schafft Grenzen –wenn nun, wie bei dem politischen Islam, diese Grenzlinien durch die Religionsangehörigkeit und die Praxis der Religion gesetzt werden, dann wird das sehr heikel:

Jede Kritik der Politik wird als Kritik der Religion, und somit als religiöser Diskurs verstanden.

Da fragt man sich unweigerlich:

Wenn im politischen Islam der Staat die institutionalisierte Form der Religion ist…Ist er dann die neue „Kirche“…?!

 

Ob der politische Islam nun die neue „Kirche“ darstellt oder nicht – fest steht, dass durch den politischen Islam die Religion im Zentrum der Politik steht und somit alle öffentlichen (politischen) Debatten als Debatten der Religion geführt werden. Die „islamische“  Autorität bestimmt, was für den Staat und seine BürgerInnen gut ist und was nicht. Da sie ihre Wurzeln in der Religion hat und jedes Tun mit der Religion zu begründen versucht, führt dies unweigerlich dazu, dass sie keine Kritik akzeptiert: Der Staat bestimmt, was Religion ist und was nicht…

Die Religion ist im politischen Islam die Gefangene des jeweiligen Kontextes. Alternative Interpretationen der Religion werden nicht akzeptiert und unterdrückt, was natürlich jegliche Diversität, jede Art von Pluralismus in der Gesellschaft verhindert. Der politische Islam beansprucht eine Monopolstellung bezüglich der Wahrheit. Dies wiederum verursacht, dass der „andere“ und die mit ihm in Beziehung stehenden anderen „Wahrheiten“ strikt bekämpft werden. Somit wird die Dynamik und Wiedergabe religiöser Traditionen und deren Entwicklung praktisch unmöglich gemacht.

 

Wie bereits erwähnt, wird der Fokus der Religion, des Glaubens mit diesem politischen Verständnis von der individuellen Tugendhaftigkeit auf die Aufrechterhaltung der politischen Herrschaft gelegt, was zu einem Vakuum in Bezug auf die Moral und Ethik in der Religionsauslegung führt: Nicht die Eigenschaften des Individuums zählen, sondern die Tatsache, wer man ist (oder wer man nicht ist). Was zählt, ist der Name, nicht die richtige Einstellung.

Da stellt sich eine neue Frage:

Eignet sich der politische Islam, das Ziel des Islam, ein friedvolles Zusammenleben auf dieser Welt, in den Herzen der Menschen zu verbreiten, oder verursacht er genau das Entgegengesetzte: die Ausgrenzung und Entfremdung der Menschen, auch der Muslime, die den politischen Islam nicht unterstützen …?!

Dies ist eindeutig nicht im Einklang mit der Universalität der Religion und steht auch im starken Widerspruch zur sogenannten „Bruderschaft der Muslime“.

 

Freiheit

Die islamische Ontologie lehrt, dass Adam, der erste Mensch, auf die Erde geschickt wurde, um zu gehorchen und für den Schöpfer zu beten. Er wurde mit einem Attribut, dem freien Willen, ausgestattet, was ihn in seinem Sein einzigartig macht: Adam soll mit und durch seinen freien Willen getestet werden und beweisen, dass er dem ewigen Paradies würdig ist…

Es steht nicht zur Debatte, dass der Islam, wie viele andere Religionen auch, das Individuum als die „Einheit der Analyse“ betrachtet und einen Schwerpunkt auf die direkte Beziehung zwischen dem Schöpfer und dem Menschen legt. Keine religiöse oder politische Autorität (und auch keine Kombination aus diesen beiden) steht zwischen dem Diener und seinem Schöpfer.

Der Koran-Vers ,,Und als ich ihn formte und ihm von meinem Geist einhauchte…“(15:29) unterstreicht deutlich, dass die Existenz jedes einzelnen Menschen durch die Trägerschaft des Transzendenten voll gerechtfertigt ist und keine andere Instanz außer Gott in irgendeiner Art und Weise das Recht dazu besitzt, andere Menschen aufgrund ihres Verhaltens zu beurteilen:  Jeder Mensch ist einzigartig und wertvoll, da jeder Einzelne der Empfänger des Transzendenten ist, weil Gott nach islamischer Auffassung dem Menschen die Seele aus seinem eigenen Geist eingehaucht hat und ihm die Möglichkeit gegeben hat, seine Eignung für das ewige Paradies auf dieser Welt, die als „Prüfung“ verstanden wird, mithilfe seines freien Willens unter Beweis zu stellen.

Somit ist jeder staatliche Zwang zur Ausübung einer islamischen Pflicht oder Haltung ein Verstoß gegen die „Atmosphäre“ der Prüfung und gegen die Grundlage, die ontologische Lehre des Islam: Der Mensch wurde geschaffen, um geprüft zu werden: Wenn der Mensch durch den Staat zum „Richtigen“ in Bezug auf die Religion gezwungen wird –wo bleibt dann die individuelle Prüfung?! Die individuelle Tugend wird durch den politischen Islam minimalisiert…

 

Der freie Wille macht uns eines ewigen Paradieses würdig, und unsere Prüfung liegt in der Tatsache, dass wir durch diesen freien Willen die Wahl haben, uns für das „Richtige“ zu entscheiden, obwohl wir die Möglichkeit besitzen, uns für die Sünde zu entscheiden.

 

Durch das Staatsmodell der Islamisten wird aber genau dies untergraben:

Es schafft einen Staat, der in die „Prüfung“ interveniert, indem er gar keinen Raum für das „Falsche“ und somit für die Entwicklung der Moral und der Tugend zulässt.

Alle sozialen Probleme, die durch das Fehlen von Moral und Tugend verursacht werden, werden als Probleme identifiziert, die ihre Wurzeln „außerhalb“ haben, da der politische Islam seine moralische Leere nicht wahrnimmt: Die Islamisten sollten sich bewusst sein, dass es nicht genügt, pro forma Muslim zu sein, sondern dass es vielmehr darum geht, ein guter Muslim zu sein…

Formalia, Bekenntnisse sind sicherlich wichtig, aber ohne relevante menschliche Qualitäten bleiben sie hohl und irreführend.

Zudem ist die Tatsache, dass der politische Islam seinen Schwerpunkt auf das Diesseits setzt, wo doch die Religion, der Glaube sich primär eigentlich mit dem ewigen Leben befasst, aus religiöser Sicht ebenfalls sehr problematisch.

Es stellt sich die Frage:

Ist es etwa so, dass die Islamisten das Jenseits untergraben?

Ist der politische Islam eine Säkularisierung, eine Verweltlichung der Religion?!

 

Fatih Ceran, Yasemin Aydin