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Erfolgreicher Schülerworkshop ,, Interkulturelle Kompetenz“


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Das Friede-Institut für Dialog veranstaltete zum dritten Mal ein Schüler-Workshop mit den GymnasiastInnen des Gymnasiums Brigittenau.  ,,Gemeinsamkeiten entdecken, Unterschiede respektieren“, mit diesem Slogan wurden zahlreiche SchülerInnen gemeinsam mit Ihren ProfessorenInnen empfangen. Im Rahmen der viertägigen Veranstaltung nahmen fünf Klassen des Brigittenauer Gymnasiums aktiv an den Workshops teil,. Dr Tokmak Ismayil, Obmann des Friede-Instituts, eröffnete die Veranstaltung mit einer kurzen Vorstellung des Instituts Friede, das seit 2002 aktiv in Wien ist. Anschließend befassten sich die SchülerInnen in Kleingruppen  mit diversen Themen wie der Wiener Kultur, Förderung der kulturellen Austausch, Rolle der Medien im Alltagslegen, friedensorientiere Berichterstattung. Die TeilnehmerInnen der Gruppen waren aufgefordert ihre Gedanken- bzw. Erfahrungsgeschichten im Rahmen eines Kollegialgespräches auszutauschen. Zudem kamen SchülerInnen mit den Passanten im Rahmen eines Feldversuches ins Gespräch. Nach einem erfolgreichen Abschluss der Gruppengespräche präsentierten die Jugendlichen jeweils Ihre Schlussfolgerungen der gesamten Klassengemeinschaft und setzen die Diskussionen im Plenum fort.
Miteinander reden, nicht übereinanderDer interkulturelle Dialog erzielt eine Begegnung innerhalb diverser Kulturkreise, um an einer gemeinschaftlichen Zukunft zu arbeiten.  Dies stellt auch den gemeinsam erarbeiteten Ansatzpunkt der SchülerInnen. Von den TeilnehmerInnen wurde in der Abschlussdiskussion betont, dass der offene Dialog  das wichtigste Instrumentarium ist, um einander noch besser als bisher zu verstehen, noch mehr voneinander zu lernen – und noch mehr aufeinander zu achten.
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Eröffnungsveranstaltung der Jahresreihe ,,Soziale Gerechtigkeit“ mit Prof. Dr. Rita Süssmuth


Im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung der Jahresreihe ,,2015-Soziale Gerechtigkeit“ fand am 13. Februar 2015 im Stephanisaal ein Vortrag der ehemaligen deutschen Bundestagspräsidentin Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Rita Süssmuth zum Thema „Religion und Politik“ statt. Der Vortrag wurde in Kooperation mit dem Masterlehrgang „Religion-Kultur-Spiritualität“ der Kirchlich Pädagogischen Hochschule Wien/Krems veranstaltet.


Eröffnet wurde die Veranstaltung von Prof. Langer, dem Koordinator des Masterlehrgangs, der betonte, dass die Anliegen Gülens, auch ihre Anliegen darstellen würden und bedankte sich für die Partnerschaft mit dem Friede-Institut für Dialog und der Journalists and Writers Foundation. Der Vizerektor der Kirchlich-Pädagogischen Hochschule Dr. Weissenbäcker begrüßte ebenfalls die KeyNote-Speakerin Prof. Dr. Süssmuth und machte darauf aufmerksam, dass diese Veranstaltung gleichzeitig die Abschlussveranstaltung des in dieser Form einzigartigen Masterlehrgangs ,,Religion-Kultur-Spiritualität“ ist.

In ihrem Vortrag zeichnete Rita Süssmuth das Verhältnis zwischen Politik und Religion in der Europäischen Union und deutete auf eine neutrale und distanzierte Haltung hin. Die ehemalige Bundestagspräsidentin, die auch die Vizepräsidentin der OSZE gewesen ist, sieht viel Handlungsbedarf in den Beziehungen zwischen Politik und Religion, um den internationalen Konflikten entgegenzuwirken. Eine Verdrängung der Religion aus der Öffentlichkeit schließt Süssmuth aus und fordert vielmehr deren zentrale Stellung. In Zeiten von IS und Pegida hält sie den Dialog zwischen Religionen und Kulturen sehr essenziell, insbesondere zur gemeinsamen Lösung von Problemen. Sie betonte, dass in Zeiten wie diesen Menschen, die den Mut zum Dialog haben, zu beglückwünschen sind. In diesem Kontext nahm sie auch zu den aktuellen politischen Situationen in der Türkei Stellung und verdeutlichte, dass die Auseinandersetzung um die Hizmet-Bewegung die Bekämpfung einer Friedensbewegung ist und auf Hass basiert. Des Weiteren betonte die ehemalige Politikerin, dass im interkulturellen und interreligiösen Dialog die klärende Debatte um Missverständnisse zwingend notwendig ist und diese erst das Zusammenleben ermöglicht. Dieses vielfältige Miteinander Wollen sei das Ergebnis des Dialogs, des Miteinanderlebens.

Im Anschluss des Vortrages kam es zu einer anregenden Frage-und Antwortrunde, die die Teilnehmenden dazu genutzt haben, ihre Fragen an Prof. Süssmuth zu stellen.

Die nächste Veranstaltung im Rahmen der Jahresreihe ,,Soziale Gerechtigkeit“ findet am 16. März 2015 in der UNO-City statt.

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9- Abschlussveranstaltung 1914-Frieden-2014 „The Role of Voluntarism in Building Peace“



05. Dezember 2015, Universität Wien

Am 5. Dezember, dem Internationalen Freiwilligentag, luden das Friede-Institut für Dialog, das Institut für Religion und Frieden, die Journalists and Writers Foundation und das Forum für Weltreligionen zur Schlussveranstaltung ihrer interreligiösen Reihe „1914-Frieden-2014“ an der Universität Wien.

Neun Veranstaltungen nahmen im Lauf des Jahres den Ersten Weltkrieg in den Blick, dessen Teilnehmer mittlerweile alle verstorben sind und der bei uns auch weithin aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden ist, der aber das politische, soziale, kulturelle und religiöse Leben maßgeblich verändert hat.

Ziel dieser Veranstaltungsreihe war nicht in erster Linie, die historischen Ereignisse zu rekonstruieren. Vielmehr sollten ausgehend von den Ereignissen vor 100 Jahren Herausforderungen für Sicherheit und Frieden heute und morgen erkannt und Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt werden. So kam die Rolle von Krieg im 21. Jahrhundert, das Friedenspotential der Religionen, aber auch die Problematik scheinbar religiös motivierter Gewalt in aktuellen Konflikten zur Sprache. Die Situation von Armeniern und Kurden in der heutigen Türkei wurde ebenso thematisiert wie die aktuelle Situation in Bosnien-Herzegowina. Es wurde die Frage gestellt, wie verschiedene Religionsgemeinschaften heute ihre Rolle im Ersten Weltkrieg sehen bzw. wie es um die Erfahrungsverarbeitung und Erinnerungskultur in Gesellschaft, Kirche und Militär heute bestellt ist.


Im Rahmen der Schlussveranstaltung „The Role of Voluntarism in Building Peace“ wurden schließlich konkrete Friedensprojekte vorgestellt.

In seiner Begrüßungsansprache hob Mustafa Yesil, der Präsident der Journalists and Writers Foundation (Istanbul), die Bedeutung der freiwilligen Friedensarbeit besonders in einer Post-Conflict-Gesellschaft hervor. Die Journalists and Writers Foundation ist Teil der Hizmet-Bewegung, einer Bewegung von Freiwilligen, die in mehr als 160 Ländern aktiv ist und von den Ideen Fetullah Gülens inspiriert ist. Ihre Arbeit baue auf dem Guten in uns auf, das Kern aller Kulturen und Religionen sei.

Die Katholische Kirche und ihre soziale Arbeit lebt vom freiwilligen Einsatz ihrer Mitglieder, ist Werner Freistetter, Leiter des Instituts für Religion und Frieden, überzeugt. Für einen dauerhaften Frieden sei interreligiöser Dialog und wechselseitiger Respekt zwischen den Vertretern verschiedener Religionen und Kulturen besonders wichtig. Auch für das Militär sei ein breiteres Verständnis notwendig. Eine militärische Lösung allein bringt keinen dauerhaften Frieden. Der Einsatz militärischer Mittel als äußerste Möglichkeit, wenn nichts anderes mehr fruchtet, kann lediglich das Umfeld für Verhandlungen und die Suche nach einer dauerhaften Lösung schaffen.

Das Konzept des Dialogs sei im Ersten Weltkrieg von einem jüdischen Freiwilligen, der nach Bosnien kam, erfunden worden, erläuterte Petrus Bsteh vom Forum für Weltreligionen. Dieser Zusammenhang sei nur wenigen bekannt. Der Name dieses Freiwilligen war Franz Rosenzweig, ein junger Philosoph, der einen Weg zur Überwindung der Hegelschen Dialektik suchte und großen Einfluss auf Martin Buber und Emanuel Levinas ausübte.

Ismayil Tokmak, Obmann des Friede-Instituts für Dialog, stellte ein Dialog-Projekt für Schüler im Alter von 15-17 Jahren vor, das ihnen die Bedeutung des interkulturellen Dialogs und gewaltfreier Kommunikation vor Augen führen soll. Dabei setzten sich die Schüler nicht nur mit Themen wie Globalisierung und Migration, Kultur und Identität auseinander, sie sprachen und arbeiteten im Rahmen dieses Projekts oft erstmals über Cliquen und Gruppenzugehörigkeiten hinweg miteinander.

Der Österreichische Zweig des Internationalen Versöhnungsbunds führt gegenwärtig drei Friedensprojekte durch, eines in Kolumbien, zwei in Palästina, berichtete Geschäftsführerin Irmgard Ehrenberger. Dabei sind freiwillige Friedensarbeiter im Einsatz, die sehr gut ausgebildet sein müssen. So müssen sie etwa die Sicherheitslage vor Ort richtig einschätzen können sowie mit Diplomaten, Behörden und Soldaten kommunizieren. Sie begleiten etwa Palästinenser, damit sie ihr tägliches Leben während der Besatzung leben können. In Kolumbien begleiten und beschützen sie die Mitglieder einer Friedensgemeinschaft, die von bewaffneten Gruppen bedroht werden, sowie Mitglieder der Anwaltsvereinigung „Terra Digna“. Problematisch ist, dass die Zeiten freiwilliger Friedensarbeit nicht für die Pension in Österreich angerechnet werden können.

Stefan Gugerel, Militärpfarrer an der Heeresunteroffiziersakademie, war bereits im Tschad, im Libanon und im Kosovo als Militärseelsorger im Einsatz. In Österreich ist für jeden Auslandseinsatz eine Freiwilligenmeldung erforderlich. Grundwehrdiener, die den verpflichtenden Militärdienst leisten, werden grundsätzlich nicht dafür herangezogen. Die Militärseelsorge ist Teil der Einsatzvorbereitung und trägt zum friedlichen Zusammenleben innerhalb des Österreichischen Bundesheers bei. Sie stellt weiters bei Bedarf Informationen und Materialien für Soldaten im Einsatz zur Verfügung. Wichtigste Aufgabe der Seelsorger im Auslandseinsatz ist die Pastoral: die Feier der Sakramente, Gottesdienste, persönliche Gespräche, Bildung und Beratung. Weiters fördern sie durch den Austausch mit Militärseelsorgern und Soldaten anderer Armeen die friedliche Zusammenarbeit im Rahmen der Friedensmissionen. Sie besuchen mit den Soldaten Kirchen und Moscheen im Einsatzland und führen Hilfsprojekte für die Bevölkerung durch. Dabei sind die Möglichkeiten des einzelnen Militärseelsorgers leider sehr beschränkt, aber durch das wenige, was sie selbst dabei machen können, zeigen sie, dass sie dazu da sind, den Frieden zu fördern.

Die Journalists and Writers Foundation (JWF) wurde 1994 von Journalisten und Schriftstellern auf Initiative Fethullah Gülens gegründet, der selbst Schriftsteller ist und über 60 Bücher geschrieben hat, berichtete Hüseyin Hurmali, der Vizepräsident der JWF. 2012 erfolgte die Akkreditierung bei der UN: Als einzige Organisation in der Türkei verfügt die JWF nunmehr über einen ECOSOC-Beobachterstatus. Wichtigstes Ziel der Arbeit der JWF ist die Förderung des Friedens, ein besonderes Anliegen ist dabei der Bereich Bildung und Forschung. Hurmali präsentierte am Ende 10 Friedensprojekte, die 2013 als von der JWF unter tausenden Bewerbungen ausgewählt und preisgekrönt wurden.

Christian Wagnsonner

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8- Lessons not Learned?



11. November 2014, Club Stephansplatz 4, Wien

Vor kurzem wurde im Internet eine Fotoserie veröffentlicht, die von der Organisation Islamischer Staat stammt und einen Bagger zeigt, der eine Aufschüttung an der Grenze zwischen Syrien und dem Irak durchbricht. Der Titel – „Die Zerstörung von Sykes-Picot“ – bezog sich auf ein geheimes Abkommen, in dem sich Briten und Franzosen noch vor Ende des Krieges und vor dem Zerfall des Osmanischen Reichs mehr oder weniger den Nahen Osten untereinander aufteilten, ohne den Willen der betroffenen Bevölkerung dabei zu berücksichtigen. Die Gebiete sind längst keine Kolonien mehr, viele der damals willkürlich festgelegten Grenzen bestehen aber bis  heute, betonte Dr. Felix Schneider vom Institut für Strategie und Sicherheitspolitik der Landesverteidigungsakademie auf der achten und vorletzten Veranstaltung der Reihe „1914-Frieden-2014“ des Instituts für Religion und Frieden und des Friede-Instituts für Dialog am 11. November 2014 im Club Stephansplatz 4.

Ein „war to end all wars“ sollte der Krieg sein, tatsächlich waren die unfairen Bedingungen, die den Verlierern auferlegt wurden, einer der Faktoren, die bereits 20 Jahre später zu einem noch schrecklicheren Krieg führten: In diesem Krieg stießen deutsche Einheiten 1940 irgendwo zwischen Mars und Memel auf englische Handwerker, die immer noch damit beschäftigt waren, die Gräber für die Gefallenen des 1. Weltkriegs anzulegen… Wirkt der Krieg in unserer Erinnerung nach, fragte Schneider am Ende? „Biologisch“ nicht, weil alle Beteiligten bereits tot sind. Aber dennoch sind seine Folgen heute allgegenwärtig: im Nahen und Mittleren Osten wie auch manchen Abschnitten der österreichischen Grenze. Viele der heutigen 47 Staaten Europas sind – direkt oder indirekt – Ergebnis des Ersten Weltkriegs.


Erinnern sei ein gefährliches Wort, manchmal eine noch gefährlichere Praxis, so Dr. Peter Zeillinger von den Theologischen Kursen. Wie ist das zu verstehen? Einerseits ist Erinnern zwar notwendig, die Welt als solche ist dem Menschen nie unmittelbar gegeben, nur über die Erinnerung erschlossen, seine Weltbegegnung ist immer nachträglich. Allerdings sind nicht alle Bezüge, die die Erinnerung herstellt, erwünscht. Manchmal wird die Erinnerung an besonders schreckliche Verbrechen oder Ereignisse sogar ausgeblendet oder verboten, etwa nach der Schreckensherrschaft der 30 Tyrannen in Athen. Nur die Verbrechen der Hauptschuldigen durften erinnert und gerichtlich verfolgt werden, jene der Mitläufer mussten vergessen werden, um nicht zu große Gräben in der Gesellschaft aufzureißen und die Nachkriegsordnung nicht zu gefährden. Später ist man sehr oft nach diesem Prinzip vorgegangen. In demselben Sinn spricht etwa der Friedensvertrag von Münster-Osnabrück von einem beständigen dauerhaften Vergessen und Vergeben. Zeillinger interessiert aber weniger das Zusammenspiel von Vergessen und Erinnern im Dienst der Ordnung der Gesellschaft, sondern ein anderes Verständnis von Erinnerung, das am biblischen linearen Zeitverständnis orientiert ist. Erinnern steht hier nicht im Dienst äußerer Kontinuität, sondern von Veränderung. Erinnerung in diesem Sinn ist offen ist für den Anderen, für den, der hier und jetzt fehlt, nicht zu Wort kommt, für die Opfer, die nicht sprechen können. Erst dann erfüllt eine Gedenkveranstaltung ihre Aufgabe, wenn sie Veränderung provoziert. In der jüngeren Geschichte bauten sog. Wahrheitskommissionen (etwa in Südafrika) auf einem entsprechenden Verständnis von Erinnerung auf. Wichtig für das heutige politische Denken ist die Preisgabe von Identität als in sich geschlossener Einheit. Erst wenn Identität etwas mit dem Anderen zu tun hat, dann könne sich etwas verändern.

Halil Göksan PhD, der Repräsentant der Journalists and Writers Foundation bei der UN in Genf, schilderte die Entstehung von Völkerbund und seiner Nachfolgeorganisation, der UN, die gleichsam institutionalisierte Lessons-learned-Organisationen nach Kriegsende darstell(t)en und auf die Förderung des Weltfriedens und der internationalen Zusammenarbeit abziel(t)en. Der Völkerbund ist gescheitert. Bald nach dem Zweiten Weltkrieg, den er eigentlich verhindern hätte sollen, löste er sich auf. Auch die Konfliktlösungskompetenz der UN ist aus Sicht Halil Göksans begrenzt. Dass der Kalte Krieg zu keinem Dritten Weltkrieg wurde, war nicht unbedingt das Verdienst der UN, sondern hatte v.a. andere Gründe. Die Zunahme von internationalen Missionen auch der UN nach dem Ende des West-Ost-Konflikts ist auch kein Zeichen für das Funktionieren des kollektiven Sicherheitssystems der UN. Entscheidender Faktor bei den wichtigsten Missionen (Kuweit, Somalia, Bosnien, Kosovo, Irak…) war vielmehr die militärische Dominanz der USA. Auf europäischer Ebene ist es allerdings sehr wohl gelungen, die Lehren aus den vergangenen Kriegen zu ziehen und mit der Europäischen Union (und ihren Vorläuferorganisationen) ein Friedensprojekt zu entwickeln, das gekennzeichnet ist durch: wirtschaftliche Integration, das Delegieren von Souveränitätsrechten, eine neue Form des Regierens ohne Hierarchie und Hegemonie, mit demokratischen Prozessen und mit rotierender Präsidentschaft, den bevorzugten Einsatz von Soft Power, ein faires System, das nicht von den Siegern dominiert wird, und die Offenheit für die Erweiterung des Kreises der Mitgliedstaaten.

Österreichs Geschichte sei in den letzten 100 Jahren komplizierter und unglücklicher verlaufen als jene vieler anderer Staaten, betonte Bgdr i.R. Mag. Gunther Spath. Deshalb sei die Erinnerungskultur auch im Österreichischen Bundesheer nicht ganz einfach und verlaufe nicht ohne Brüche und Widersprüche: Österreich fehlt eine ungebrochene Tradition: Aus dem Großreich wurde ein Kleinstaat, der plötzlich die Last des verlorenen Kriegs für das ganze Reich tragen sollte. In der Folge wechselte die Staats- und Regierungsform mehrmals. Dieselben Beamten und Soldaten dienten unter verschiedensten Systemen und schworen den jeweils geforderten Eid. In den letzten Jahren ist vor allem eine Zeit ins Zentrum der Debatten gerückt, in der Österreich gar kein eigener Staat war (1938-45): Widerstandskämpfer wurden in die Traditionspflege einbezogen, die Gestaltung von Denkmälern und die Berechtigung von Gedenktafeln debattiert. Was vor dieser Zeit war, lag wie hinter einer Nebelwand verborgen. Die heurigen Initiativen zum Gedenkjahr 1914 konnten hier ein wenig gegensteuern. Auf der Suche nach militärischen Vorbildern wird allerdings gern weit in die Vergangenheit zurückgegangen, z.T. bis ins 16. Jahrhundert. Man zog auch führende Offiziere der 1. Republik heran, das war aber nicht immer unproblematisch, wenn sie später in führender Position in der Wehrmacht gedient hatten. Im Traditionserlass des Österreichischen Bundesheers werden zwar zahlreiche Werte aufgezählt, die den Soldaten auszeichnen sollen; aus Sicht Spaths fehlen aber vor allem zwei Dinge, die bei den konkreten Gedenkfeiern eine zentrale Rolle spielen: das Gedenken an die Opfer und die Einsicht, dass Kriege sinnlos seien und dass man sich für den Frieden einsetzen müsse. Das sollen aus Sicht Spaths auch die entscheidenden Momente in der Erinnerungskultur des Österreichischen Bundesheers sein. Was die Erinnerungskultur der Menschheit insgesamt betrifft, so zieht Spath ein pessimistisches Resumé: Hier gelte nicht nur „lessons not learned“, sondern vielmehr: „bemüht, es in Zukunft noch schlimmer zu machen“.

Christian Wagnsonner

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7-Enquete 2014- Kirche und Religionsgemeinschaften im Ersten Weltkrieg


16. Oktober 2014, Landesverteidigungsakademie Wien

Am 16. Oktober fand anlässlich des 100 Jahre Beginn des Ersten Weltkrieges eine Enquete zum Thema “Kirche und Religionsgemeinschaften im Ersten Weltkrieg” in Landesverteidigungsakademie statt. Die Veranstalter waren das Friede-Institut für Dialog, das Institut für Religion und Frieden, das Forum für Weltreligionen und die Journalists and Writers Foundation. Neben zahlreiche Militärseelsorger aus verschiedenen europäischen Ländern sowie aus Ekuador und USA nahmen auch Schüler und Schülerinnen des Militärgymnasiums Wien an der Veranstaltung teil.


In der Einleitungsrede wurde durch den Leiter des Instituts für Religion und Frieden Bischofsvikar Msgr. Dr. Freistetter gehalten und begann mit einer Begrüßung der Teilnehmer aus dem Ausland sowie die Obfrau des Partnerinstituts Friede Yasemin Aydin und dem Obmann Dr. Ismail Tokmak. Anschließend hielt Dr. Patrick J. Houlihan zum Thema “Religon und Kultur des Krieges” einen Vortrag und erläuterte die Spuren des Ersten Weltkrieges und die Folgen für die beteiligten Länder. Der Direktor des Bildungshauses Schloss Puchbergs Dr. Wilhelm Achleitner präsentierte die Kriegstheologie der österreichischen Bischöfe im Ersten Weltkrieg und betonte im Verweis auf den Papst Franziskus I., dass es ein Krieg im Namen Gottes nicht existiert und betonte die Relavanz der Dogmatisierung dieses Themas. Mustafa Akyol – der freie Journalist für Hürriyet Daily News, Al-Monitor und The International New York Times – beleuchtete das Geschehen aus der Perspektive des Osmanischen Reiches. In seiner Rede “Positionen der Religionsgemeinschaften im Ersten Weltkrieg im Osmanischen Reich – Ein historischer Einblick in die zeitgenössische Religionspluralismus der Türkei” unterstreicht er, dass die Grundlagen des aktuellen Konflikts im Nahen Osten auf Nachkriegszeit zurückgeht und eine Basis für radikal-islamistische Gruppen und Randgruppen darstellt.

In dem Vortrag “Die Militärseelsorge im Ersten Welkrieg” von der Leiterin der Heeresgeschichtlichen Museum Dr. Claudia Reichl-Ham wurde auf das multi-religiöse Struktur des Heeres der Österreich-Ungarn Monarchie eingegangen und die praktizierten Rituale der religiösen Gemeinschaften anhand von visuellen Materialien präsentiert. In Ergänzung dazu rief sie in Erinnerung, dass das Islamgesetz, welche in Österreich anerkannt ist, auf die Kriegsjahre 1912 zurückgeht. “Seelsorge im ersten Weltkrieg am Beispiel der Kriegsgefangenen in Österreich-Ungarn” von Dr.Julia Walleczek-Fritz – Mitglied der Forum Österreich-Ungarn im Ersten Weltkrieg – umfasste unter Anderem, dass das freie Praktizieren der Religion für Gefangene, deren Zahl sich auf 8-9 Milionen belief, ein Anstreben für die Monarchie war. Die Umsetztung erfolgte nicht wie sie theoretisch geplant war. Dennoch existierte eine allgemeine Religionsfreiheit unter der Bedingung der Einhaltung der Militärregeln.

Im Abschluss der Tagung hatten die Teilnehmer die Möglichkeit ihre Fragen mit den Vortragenden zu diskutieren.

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6- Kriegsopfer – religiöses Opfer: Spuren archaischer Religiosität?



30. September 2014, Jakob-Kern-Haus, Militärpfarre Wien

Am 30. September 2014 fand im Wiener Jakob-Kern-Haus der Studientag „Kriegsopfer – religiöses Opfer: Spuren archaischer Religiosität?“ statt. Veranstalter waren das Institut für Religion und Frieden, das Friede-Institut für Dialog, das Forum für Weltreligionen und die Journalists and Writers Foundation.

Petrus Bsteh vom Forum für Weltreligionen wies darauf hin, dass das Phänomen des Opfers in fast allen Religionen und Kulturen eine Rolle spielte. Ein Begriff für „Opfer“ (ebenso wie für „Mensch“) tauchte in der Religionsgeschichte der Menschheit allerdings erst sehr spät auf. Das Opfer gründet im Urphänomen der Begegnung, in der Beziehung zu einem Gegenüber und der Frage, wie man sie konkret gestaltet. Wesentliche Elemente sind die Hingabe des gesamten Lebens, das den Menschen verwandelnde Feuer und das Mahl. Äußerliche oder pervertierte Formen des institutionellen Opferbetriebs, die ungerechte Zustände in der Gesellschaft zememtieren, werden v.a. in den prophetischen Schriften radikal kritisiert. Für Christen ist der Begriff des Opfers wesentlich mit der Gestalt Jesu von Nazareth verbunden, der Gott durch seine Verkündigung und sein Leben verherrlichte. Menschlich gesehen scheiterte er. Weil er dieses Scheitern aber annahm und ertrug, konnte Gott dieses Opfer annehmen, das Trennendes eint. Christliches Leben bedeutet, Jesus nachzufolgen und an seinem Opfer, seiner Hingabe teilzuhaben, deren Höhepunkt die Feindesliebe ist.


In der römischen Republik wurden die Götter in der Regel noch nicht in Menschengestalt vorgestellt, so der Experte für Römisches Recht, Dr. Christoph Ebner vom Heeresgeschichtlichen Museum. Stattdessen stand der göttliche Wille (Numen) und seine Beeinflussung durch den Kult im Vordergrund. Die diesseitige und gewissermaßen juristische Ausrichtung der Religion der Römer prägte Vorstellung und Praxis der Opfer. Sie wurden als Rechtsgeschäfte verstanden und unterlagen strengen Formalvorschriften. Im privaten Bereich dominierten blutlose Opfer (Nahrungsmittel und Weihrauch), die (teureren) Blutopfer den öffentlichen Bereich. Es gab zahlreiche Berührungspunkte zwischen Opferkult und Militär: Legionäre, die in den Krieg zogen, versprachen nicht selten bei günstigem Ausgang Opfer zu bringen oder Altäre zu errichten. Eine besondere Form des Opfers war die sog. Devotio: die Selbstopferung des Feldherrn in der Hoffnung, dadurch den Ausgang der Schlacht noch ins Positive zu wenden. Menschenopfer wurden 97 v. Chr. vom römischen Senat verboten. Es gibt aber Hinweise, dass sie vereinzelt weiterexistierten. So berichtet etwa Tertullian über heimliche Kinderopfer bei den Karthagern. Die Gladiatorenspiele entwickelten sich ursprünglich aus dem Bereich kultischer Opfer, wurden in der Kaiserzeit aber immer mehr zur Unterhaltungsindustrie und mussten z.T. auch dazu herhalten, die kriegsmüde Bevölkerung auf die Feldzüge einzuschwören. In christlicher Zeit wurden die römischen Opferriten dann verboten und verschwanden nach und nach.

Der Opferkult der Nationalsozialisten war ein säkularisierter Kult, der die Vergöttlichung der Nation bzw. des Konstrukts einer arischen Rasse voraussetzt, erläuterte Dr. Werner Freistetter vom Institut für Religion und Frieden. Die Nationalsozialisten haben es nie geschafft, eine kohärente Darstellung ihrer Ideologie vorzulegen, es handelt sich dabei vielmehr um eine je nach Bedarf zusammengestellte Sammlung von Momenten. Machtstaatliche, bellizistische und sozialdarwinistische Motive spielten eine Rolle, weiters Ideen von Vernichtungskrieg und Rassekampf sowie existentiell-apokalyptische Vorstellungen von Krieg als Kampf um Sein oder Nichtsein, um totalen Krieg und heroischen Untergang. Der Opferbegriff wurde enggeführt auf ein Sich-Opfern für den Nationalsozialismus, die Gemeinschaft, den Führer. Ausgangspunkt war die Hochstilisierung der Erfahrungen der Kämpfer des Ersten Weltkriegs, wie etwa in Hitlers „Mein Kampf“: Wichtige Aspekte dieses Opferbegriffs sind die Idee, dass die Einzelnen sich dem Gesamten unterzuordnen haben; dass Soldaten eigentlich dazu da sind zu sterben: eine Heroisierung des militärischen Dienstes, die in die Brutalität führt; weiters die Idee, dass Opfer nicht vergeblich sein dürfen und dass der Wille, wenn er nur stark genug ist, alles überwinden kann. Dabei werden religiöse Vorstellungen aufgegriffen und in den Dienst einer rassistischen, säkularen Idee gestellt. So sprechen viele Texte vom Weiterleben der toten Helden: entweder geistig in der Erinnerung, durch das Aufgehen im Volk oder biologisch in den Nachkommen. Die ebenfalls religiös aufgeladene Lichtsymbolik im Nationalsozialismus ist eindrucksvoll, aber ambivalent. Sie deutet die Vertreibung des Dunkels, des Bösen an, zugleich ist das Feuer aber auch Symbol der rücksichtslosen Zerstörung und Vernichtung. Heute erkennen wir, wohin die Pervertierung der Werte geführt hat. Unsere Gedenkkultur steht freilich immer noch vor beträchtlichen Herausforderungen: Wie sollen wir in Politik und Kirche entscheiden, wer und was in unserer Gedenkkultur Platz haben darf und wer nicht? Und wie gehen wir damit um, dass nach zwei Weltkriegen und dem massiven Missbrauch des Begriffs Opfer nicht nur der alltägliche, sondern auch der theologische Gebrauch schwierig und fraglich geworden ist?

Wie das Christentum hat sich auch der Islam von heidnischen Opfervorstellungen verabschiedet. Besonders deutlich wird das in der Erzählung vom Opfer Abrahams. Kern dieser Erzählung ist aus Sicht des Koran die Bereitschaft Abrahams zum Gehorsam Gott gegenüber. So ist auch an einer anderen Stelle deutlich festgehalten, dass ihr Fleisch und ihre Speisen (beim Opfer) Gott nicht erreichen, sondern ihre Hingabe an Gott. Entscheidend ist das blutlose Zeugnis („Martyrium“) des Muslimen, das im Glaubensbekenntnis ausgesprochen wird, dem Bekenntnis zum einen Gott. In der islamischen Tradition werden etwa auch Krebstote als Märtyrer bezeichnet, insofern sie die Barmherzigkeit Gottes bezeugten. In der Frühzeit und auch der weiteren Geschichte des Islam gab es immer wieder muslimische Märtyrer, die getötet wurden, weil sie ihre Religion bekannten, oft aber nicht von Andersgläubigen, sondern von muslimischen Glaubensbrüdern. Später wurde das Martyrium säkularisiert bzw. nationalisiert: So wurden die Toten von Gallipoli auf osmanischer Seite als Märtyrer bezeichnet (unter ihnen übrigens auch armenische und griechische Soldaten!). Außerhalb der Türkei finden sich Monumente, die an das Martyrium der Armenier erinnern. Auch auf kurdischer Seite wird von Märtyrern gesprochen, die im Zug der Auseinandersetzungen der letzten Jahrzehnte gefallen sind, oder von Märtyrern der kommunistischen Partei. Heute ist die islamische Tradition durch terroristische Organisationen herausgefordert, die Attentäter als Märtyrer bezeichnen, wenn sie Zivilpersonen, Unschuldige mit sich in den Tod reißen. Aydin plädiert für eine Rückbesinnung auf die ursprünglichen Bedeutung des Begriffs im Islam: anderen zu geben, etwas für andere zu tun, ihnen zu dienen. Das sei der eigentliche Sinn des Martyriums.

Der Innsbrucker Diözesanbischof Dr. Manfred Scheuer sieht eine Hochkonjunktur des Opferbegriffs im heutigen Sprachgebrauch. Dass Menschen opfern sei ein Urphänomen, eine allgemeine religiöse Grundkonstante. Opfer gelten als Quelle des Lebens, stehen aber auch für Zerstörung und Vernichtung. Aus biblischer Sicht braucht Gott keine Opfer wie in vielen anderen Religionen. Das Opfer ist vielmehr Ausdruck des freien Glaubens, der Hingabe an Jahwe. Jesus und die ersten Zeugen haben sich an die jüdische Opferpraxis gehalten. Jesus knüpft allerdings auch an die Opferkritik der biblischen Propheten an: Gott braucht nicht durch Opfer, durch menschliche Leistung zur Barmherzigkeit gebracht zu werden, sondern seine Liebe und Barmherzigkeit ist es, die alles umfängt.

Das Wort „Friedensopfer“ klinge heute freilich eigenartig und fremd. „Friedensopfer“ heißt in der jüdischen Tradition ein Dankopfer für ein Wunder, das einem zugestoßen ist. Auch der Kreuzestod Jesu kann als Friedensopfer verstanden werden: Jesus hat Gewalt ertragen und nicht mit Gegengewalt reagiert. Nicht im Leiden selbst, sondern in seiner aktiven Hingabe, seiner Antwort auf die Liebe Gottes, von der er sich umfangen weiß, besteht sein Opfer. Es ist ein Akt radikaler Feindesliebe, durch den die Logik des Bösen aufgebrochen wird. Durch das Opfer soll Gemeinschaft geschaffen und eine Ordnung wiederhergestellt werden, in der Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit als Säulen des Frieden wirksam sind.

Es war ein Friedensopfer, als sich Maximilian Kolbe für einen Familienvater opferte, der getötet werden sollte. Es war ein Friedensopfer, als sich die polnischen und deutschen Bischöfe 1965 erstmals trafen und um Vergebung baten und Vergebung gewährten. Es war ein Friedensopfer, als sich ehemalige KZ-Häftlinge mit ehemaligen Feinden trafen. Es ist ein Friedensopfer, wenn sich Ärzte ohne Grenzen für Opfer in Konfliktgebieten einsetzen. Friedensarbeit beinhaltet Freundschaft mit den Armen, Entwicklungshilfe, Integration von Ausländern und Minderheiten, Dialog zwischen den Religionen – und schafft Bedingungen dafür, dass Fremde einander ins Gesicht schauen können und bemerken, dass sie Brüder sind.

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5- „Muslime in der österreichischen Armee 1914/2014“


10. Juni 2014, Universität Wien

Am 10. Juni 2014 fand an der Universität Wien eine Podiumsdiskussion zum Thema „Muslime in der österreichischen Armee 1914/2014“ im Rahmen der Reihe 1914-Frieden-2014 statt. Veranstalter waren das Friede-Institut für Dialog und das Institut für Religion und Frieden in Kooperation mit der Journalists and Writers Foundation und dem Forum für Weltreligionen. Moderiert wurde die Diskussion von Yasemin Aydin, der Obfrau des Friede-Instituts für Dialog.

In den Jahren nach der Okkuppation Bosniens und Herzegowinas begann man bosnische Truppen für die k.u.k.-Armee aufzustellen, berichtete HR Univ.-Doz. Dr. Erwin Schmidl, der Leiter des Instituts für Strategie und Sicherheitspolitik an der Landesverteidigungsakademie, in seinem einleitenden Statement. 1914 waren rund 10000 Soldaten aus Bosnien und Herzegowina im aktiven Stand. Der Anteil an muslimischen, katholischen und orthodoxen Soldaten in den bosnischen Regimentern entsprach in etwa dem Schnitt in der bosnischen Bevölkerung. Rund ein Drittel waren Muslime. Die Bezeichnung „Bosniaken“ wurde damals übrigens für alle Bosnier verwendet, unabhängig von ihrem Religionsbekenntnis. Stationiert waren die bosnischen Einheiten in Großstädten der Monarchie, u.a. als Maßnahme zum wechselseitigen Kennenlernen. Damals gab es auch erste Planungen zum Bau von Moscheen in Wien bzw. Budapest. Die Truppen wurden von Militärimamen in Uniform begleitet. Die Bosniaken galten grundsätzlich als gute und loyale Kämpfer. In diesem Zusammenhang sei auch erwähnenswert, dass das Osmanische Reich auf Seiten der Mittelmächte in den Krieg eintrat, in der Hoffnung auf Unterstützung von Aufstandsbewegungen gegen die Kolonialmächte (v.a. England, Frankreich). Dabei wurde zum letzten Mal von offizieller Stelle ein Dschihad ausgerufen.


Atila Külcü, Cafeteriaverwalter im Bundesministerium für Landesverteidigung (AG Rossauer Lände), arbeitet seit vielen Jahren als Zivilbediensteter im Österreichischen Bundesheer. Er berichtete von den Anfängen seiner Tätigkeit im Ressort, als es zunächst noch ganz wenige muslimische Bundesheerangehörige gab. Auf seine Initiative hin wurde in der Maria-Theresien-Kaserne in Wien ein muslimischer Gebetsraum errichtet – der Beginn einer Erfolgsgeschichte: der Raum wurde in der Folge intensiv genutzt. Im Lauf der Jahre haben sich immer mehr muslimische Grundwehrdiener als strenggläubig gemeldet, sie durften und dürfen zum Freitagsgebet zur nächstgelegenen Moschee bzw. Gebetsraum gehen. „Streng gläubige“ und „besonders strenggläubige“ Muslime müssen bei dieser Meldung eine Bestätigung der Islamischen Glaubensgemeinschaft vorlegen. Im Moment wird gerade daran gearbeitet, diese problematische offizielle Begrifflichkeit zu überarbeiten. Probleme mit radikalen Muslimen gibt es im Bundesheer kaum.

Obstlt Stefan Kirchebner MA MSD, der Kommandant des Gardebataillons, sieht die Integration muslimischer Soldaten im Bundesheer als besonders gelungen an. Hier sei jeder gleich und habe die gleichen Chancen. Das Erreichen des gemeinsamen Ziels stehe im Vordergrund. Im Bundesheer rede man nicht von Integration, sondern führe sie durch. Manche Muslime streben auch eine berufliche Laufbahn im Heer an, bei ihm in der Garde gebe es drei muslimische Unteroffiziere und einen Offizier. Die Frage des Essens ist nach anfänglichen Schwierigkeiten heute in den allermeisten Fällen kein Problem, es gibt immer mindestens ein Menü, das auch von strenggläubigen Muslimen ohne Bedenken gegessen werden kann. Auch bei der Kaltverpflegung wird darauf Rücksicht genommen. Probleme gebe es immer wieder, aber quer durch alle Gruppen. Ob jemand ein Spitzbub ist, hänge offensichtlich nicht von der Religionszugehörigkeit ab.

Der vierte Gesprächspartner am Podium war Mag. Abdulmedzid Sijamhodzic, der stv. Generalsekretär des Obersten Rats der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ). Er ist zugleich ihr Ansprechpartner für Fragen der Militärseelsorge. Verteidigungsminister Platter hatte während seiner Amtszeit die Einrichtung einer islamischen Militärseelsorge angekündigt. Im Islamgesetz der Republik Österreich gibt es keine Bestimmung dazu. In einer Vereinbarung zwischen der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich und dem Staat ist die probeweise Einrichtung einer islamischen Militärseelsorge für 18 Monate vorgesehen, mit zwei Seelsorgern (Ost und West). Sie werden von der Glaubensgemeinschaft ausgewählt, nicht direkt vom Bundesheer angestellt, müssen sich aber einer militärischen Verlässlichkeitsprüfung unterziehen und sind zur Verschwiegenheit verpflichtet. Die Auswahl geeigneter Kandidaten ist sehr schwierig. Für einen der beiden Funktionen habe die Glaubensgemeinschaft ihn selbst als ersten islamischen Militärseelsorger des Bundesheers nominiert, die Ernennung durch das Ministerium steht aber noch aus. Am Ende skizzierte Sijamhodzic das Verhältnis von Islam und militärischer Gewalt: Der Prophet habe selbst zahlreiche Feldzüge angeführt, es habe sich aber immer um Verteidigungskriege gehandelt. Grundsätzlich strebt der Islam Frieden an und vermeidet jedes Blutvergießen. Militärische Gewalt ist nur zur Verteidigung erlaubt und im islamischen Recht durch eine Reihe von Regeln strikt begrenzt. Muslime in nichtmuslimischen Ländern seien dazu verpflichtet, die staatlichen Gesetze zu achten, Gutes zu tun, nicht zu sündigen, strittige Fragen im Dialog zu klären und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

1914-2014

4- „Krieg im 21. Jahrhundert“



21. Mai 2014, Landesverteidigungsakademie Wien

Im Rahmen der Reihe 1914-Frieden-2014 des Instituts für Religion und Frieden, des Friede-Instituts für Dialog, der Journalists and Writers Foundation und des Forums für Weltreligionen sprach Univ.-Prof. Dr. Hans Köchler am 21. Mai 2014 an der Landesverteidigungsakademie in Wien über „Krieg im 21. Jahrhundert“. Köchler ist Professor für Philosophie an der Universität Innsbruck und Präsident der International Progress Organisation (I.P.O.), einer NGO mit UN-Beraterstatus. 2000 wurde er von UN-Generalsekretär Kofi Annan zum Internationalen Beobachter beim Lockerby-Prozess ernannt.

In seiner Begrüßung erinnerte der Kommandant der Landesverteidigungsakademie, GenLt Mag. Erich Csitkovits, an die Schlacht bei Aspern vor genau 205 Jahren. Vieles habe sich seither verändert, mit politischen, sozialen und kulturellen Umwälzung gehe auch eine sich wandelnde Art der Kriegsführung einher. Csitkovits verwies dabei insbesondere auf den war on terrorism, die Problematik gescheiterter Staaten (failed states) sowie cyber war und cyber security.

Dr. Paul Georg Ertl vom Institut für Human- und Sozialwissenschaften stellte in seiner Einleitung drei Dimensionen des Krieges heraus: Mythos (Erzählung), Gewalt und Hodos (Weg) als konkrete Praxis zwischen Mythos und Gewalt. Die Rede vom Krieg sei heute vielschichtiger und diffuser geworden, die große Erzählung, der große Mythos wurde durch viele kleine Mythen ersetzt. Auch die Rede vom Frieden hat sich gewandelt. Friede ist heute mehr als Nicht-Krieg.

Normative Ansprüche sind mit ihm untrennbar verbunden: Sicherung des Lebens, der Freiheit der Menschen und seiner politisch-gesellschaftlichen Ordnung.

Die Spezies Mensch habe sich aus Sicht von Univ.Prof. Dr. Hans Köchler in den letzten 100 Jahren im Grunde nicht geändert. Die Friedensliebe ist leider nicht größer geworden. Geändert haben sich lediglich die rechtlichen Rahmenbedingungen und die Legitimationsstrategien militärischer Gewalt, nicht aber die moralische Qualität der Gewaltanwendung. Vor dem 1. Weltkrieg hatte der staatliche Souverän das Recht, einen Krieg zu beginnen, sofern er ihn formaliter korrekt erklärte. Heute ist gemäß der Charta der Vereinten Nationen nur mehr ein Verteidigungskrieg erlaubt. Allerdings darf der UN-Sicherheitsrat unter bestimmten Umständen kollektive militärische Maßnahmen beschließen, um den Weltfrieden und die internationale Sicherheit zu wahren oder wiederherzustellen. Allgemeine Zustimmung in der internationalen Gemeinschaft findet heute zudem das humanitäre Einschreiten zum Schutz des Lebens, wenn der Staat seiner Verantwortung, die Bürger vor schweren Menschenrechtsverletzungen zu schützen (responsibility to protect), nicht nachkommen kann oder will. Ein moralisches Dilemma in diesem Zusammenhang sei, dass das Leben durch Maßnahmen geschützt werden soll, die auch die Zerstörung von Leben implizieren. Heute werde militärische Gewalt meist mit dem Hinweis legitimiert, dass es gar nicht mehr anders gehe, dass man dazu also moralisch gezwungen sei, um einen Aggressor zurückzuschlagen oder Völkermord oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verhindern. Dabei sei allerdings nicht immer klar, ob die eigentlichen Motive wirklich so moralisch sind. Die Durchsetzung nationaler Interessen spiele bei der Legitimation militärischer Gewalt kaum mehr eine Rolle. Die USA argumentieren in jüngster Zeit allerdings wieder verstärkt damit.


Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Entwicklung des humanitären Völkerrechts vorangetrieben (Genfer Konventionen und Zusatzprotokolle). In den letzten Jahren kam es sogar zur Ausformulierung eines internationalen Strafrechts, das der Friedenssicherung durch Prävention und Abschreckung dienen solle.

Im letzten halben Jahrhundert habe die Glaubwürdigkeit der Friedensbeteuerungen vieler Staaten massiv gelitten. Das betrifft vor allem die nukleare Bewaffnung. Jeder Staat, der nukleare Waffen besitzt, ist in der Lage, alle anderen Staaten zu erpressen. Es ist deshalb nicht leicht, den Nichtnukle-arstaaten klar zu machen, dass das Ungleichgewicht in ihrem Sicherheitsinteresse liegt und sie einen Vertrag einhalten sollen, der manchen Staaten den Besitz nuklearer Waffen erlaubt, ihn allen anderen aber verbietet.

Das ultramoderne Gesicht des Krieges ist nach Köchler durch folgende aktuelle Entwicklungen ge-kennzeichnet:

– Cyberwar, den Rumsfeld als 5. Einsatzbereich des Militärs (neben Land, Wasser, Luft und Weltraum) bezeichnete und in dem sich die USA nach einer Direktive des Präsidenten aus dem Jahr 2012 auch einen Erstschlag vorbehalte. Durch das Internet haben sich auch den Geheimdiensten bei entsprechender Ausstattung ungeahnte Möglichkeiten eröffnet.

– Asymmetric Warfare: Der Unterschied der militärischen Kräfteverhältnisse werde immer größer. Wer nicht über Spitzentechnologie verfüge, sei bei einem Schlagabtausch chancenlos.

– Zunehmende Abstraktheit der Gewaltanwendung durch neue Technologien: Durch die Videospiel-mentalität könnte die Tötungshemmung immer mehr herabgesetzt werden. Andererseits verkraften viele Operatoren unbemannter Flugzeuge die Situation eines Kampfes psychisch nur sehr schwer, wenn sie selbst fernab des Kampfgebiets keinerlei Risiko ausgesetzt sind.

Manchen Völkerrechtlern in den USA erscheint die Drohnenkriegsführung als ideales Mittel der Kriegsführung, in Wirklichkeit sei sie aber eine Art „technologisch induzierte Feigheit“.

Präzisionswaffen seien zudem ziemlich nutzlos, wenn die Zielaufklärung mangelhaft ist.

– Auslagerung militärischer Kernaufgaben an Söldnerfirmen.

– Die Rede vom „collateral damage“ kaschiere die moralische Fragwürdigkeit der Tötung Unschuldiger. Wer sei für die Kosten-Nutzen-Abwägung zuständig, wie viele Unbeteiligte dürfe man etwa töten, wenn man einen Taliban aufs Korn nehme.

– Gezielte Tötungen (targeted killings) außerhalb militärischer Auseinandersetzungen seien völker-rechtlich und moralisch sehr problematisch. Dabei dürfe eine gesuchte Person überall, auch in ihrem zivilen Umfeld und auch außerhalb des eigenen Staatsgebiets getötet werden. Ankläger, Richter und Exekutor fallen oft in einer Institution zusammen. Der „Global War on Terrorism“ sei als eine Art ewiger Krieg konzipiert, bei dem der Gegner dämonisiert, die ganze Welt zum Kriegsgebiet und der Krieg zum Dauerzustand erklärt wird.

– Die Praxis umfassender Wirtschaftssanktionen sei aus ethischer Sicht sehr problematisch, weil auch auf diesem Weg der Tod vieler Menschen verursacht werden könne. Heute gebe es in den Vereinten Nationen einen Konsens darüber, dass vor der Verhängung von Wirtschaftssanktionen geprüft werden muss, ob sie menschenrechtskonform seien.

– Embedded Journalism als Möglichkeit der Kontrolle der Presse durch militärische Stellen: Nach den Erfahrungen des Vietnamkriegs sei man zur Schlussfolgerung gekommen, dass Journalisten nur dann eine Zulassung bekommen sollten, wenn sie die Einbettung in die Streitkräfte akzeptieren.

– Präventivdoktrin: In rechtsstaatlichen Systemen sei Prävention durch Abschreckung und Schutz der Bevölkerung heute einzige Legitimation für Strafmaßnahmen. Das gelte auch für die Gewaltanwendung im internationalen Kontext, wo man versuche, nicht in erster Linie auf Bedrohungen zu reagieren, sondern – sofern man dazu die Möglichkeit hat – eine militärtechnologische Überlegenheit aufzubauen, die potentielle Angreifer von vornherein abschreckt.

Abschließend hielt Köchler fest, dass Krieg heute zwar als Aggressionskrieg verboten, aber nicht ge-nerell geächtet sei. Mächtige Staaten können, wenn sie Krieg führen wollen, nicht effektiv in die Schranken gewiesen werden. Die ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats haben nicht nur ein Vetorecht, sondern unterstehen auch nicht der Stimmenthaltungspflicht, wenn sie selbst in einen Konflikt involviert sind. Neue Gefahren seien heute, dass die Grenzen zwischen Militär und zivilem Bereich verschwimmen, dass die Hemmung, Gewalt anzuwenden, sinke und die Tendenz bestehe, Todesfolgen von aktuellen militärischen Interventionen auszublenden. Solange der Machtwettbewerb aufrecht bleibe, so lange werde es Krieg geben. Heute seien die Folgen angesichts der Globalisierung allerdings ungleich schwerwiegender als früher. Das Völkerrecht könne in seiner jetzigen Form nur die Schwachen weiter zähmen, die Mächtigen aber nicht in die Schranken weisen. Ohne globalen Bewusstseinswandel werde sich daran wenig ändern.

Christian Wagnsonner

1914-2014

3- „Ein Feuer, das in Sarajewo beginnt“



24. April 2014, Eleven Park, Wien

Die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs auf den Balkan wurde am 24. April 2014 einem breiten Publikum im  Eleven Park Gudrunstraße 11 nähergebracht. Dieser Vortrag war zugleich die dritte Veranstaltung im Rahmen der Reihe „1914-Frieden-2014“.

Nach der Begrüßung durch Svetozar Pudaric, dem Vizepräsidenten der Föderation Bosnien und Herzegowina, und Ismail Tokmak, dem Obmann des Friede Instituts, zeichnete der Autor die Ereignisse aus der Sicht von maßgeblicher Akteuren und belegte mit zahlreichen Originalzitaten. Valeria Heuberger vom Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften nahm die lange und komplexe Vorgeschichte des Krieges genauer unter die Lupe. Dadurch konnten die Faktoren, die zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs führten, herausgearbeitet werden. Im Anschluss beschrieb Damir Saracevic, der Obmann des Zentrums der zeitgemäßen Initiativen Austria, einer multikulturellen Plattform für die Entwicklungszusammenarbeit zwischen Österreich und Bosnien und Herzegowina, die ab dem Zeitpunkt des Krieges herbeigeführten Veränderungen am Balkan.

Im Anschluss präsentierte Yasemin Aydin, die Obfrau unseres Instituts  und gleichzeitig die  Wien-Repräsentantin der Journalists and Writers Foundation, die Friedensarbeit in Bosnien und Herzegowina und unterstrich die große Rolle der Bildung in einer langfristig wirksamen Friedensarbeit. Abschließend konnte die Ausstellung „Der Anfang und das Ende…“ der bosnischen Künstlerin Anita Zecic besichtigt werden. Für musikalische Momente sorgte  das Gitarrenduo SEV DAH.

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2- Vom Ersten Weltkrieg zur heutigen Türkei – über die armenische und kurdische Perspektive



21. März 2014, Jakob-Kern-Haus, Militärpfarre Wien

Im Rahmen der Reihe 1914-Frieden-2014 fand am 21. März 2014 um 18:30 Uhr im Jakob-Kern-Haus ein Vortragsabend mit Diskussion zum Thema „Vom Ersten Weltkrieg zur heutigen Türkei – armenische und kurdische Perspektiven“ statt. Eröffnet wurde die Veranstaltung von Bischofsvikar Werner Freistetter und Hüseyin Hurmali, dem Vizepräsidenten der Journalists and Writers Foundation. Einen historischen Überblick über dem Reich der Osmanen gab Fatih Ceran von der Journalist and Writers Foundation und erläuterte die Entwicklungslinien bis hin zu den aktuellen politischen Auseinandersetzungen in der Türkei. Ahmet Erdi Öztürk von der Autonomen Universität Barcelona thematisierte die armenisch-türkische Beziehungen und deutete auf die historische Freundschaft zwischen Türkei und Armenien hin und plädierte die Überwindung von Verbitterungen. Abschließend wurde ein Forschungsprojekt über die Democratic Society Party (DTP) von Seref Kavak von der Keele University (GB) vorgestellt, die im genaueren  die „Türkifizierung – Überlegungen über und von prokurdischer Politik“ betraf.