30. September 2014, Jakob-Kern-Haus, Militärpfarre Wien

Am 30. September 2014 fand im Wiener Jakob-Kern-Haus der Studientag „Kriegsopfer – religiöses Opfer: Spuren archaischer Religiosität?“ statt. Veranstalter waren das Institut für Religion und Frieden, das Friede-Institut für Dialog, das Forum für Weltreligionen und die Journalists and Writers Foundation.

Petrus Bsteh vom Forum für Weltreligionen wies darauf hin, dass das Phänomen des Opfers in fast allen Religionen und Kulturen eine Rolle spielte. Ein Begriff für „Opfer“ (ebenso wie für „Mensch“) tauchte in der Religionsgeschichte der Menschheit allerdings erst sehr spät auf. Das Opfer gründet im Urphänomen der Begegnung, in der Beziehung zu einem Gegenüber und der Frage, wie man sie konkret gestaltet. Wesentliche Elemente sind die Hingabe des gesamten Lebens, das den Menschen verwandelnde Feuer und das Mahl. Äußerliche oder pervertierte Formen des institutionellen Opferbetriebs, die ungerechte Zustände in der Gesellschaft zememtieren, werden v.a. in den prophetischen Schriften radikal kritisiert. Für Christen ist der Begriff des Opfers wesentlich mit der Gestalt Jesu von Nazareth verbunden, der Gott durch seine Verkündigung und sein Leben verherrlichte. Menschlich gesehen scheiterte er. Weil er dieses Scheitern aber annahm und ertrug, konnte Gott dieses Opfer annehmen, das Trennendes eint. Christliches Leben bedeutet, Jesus nachzufolgen und an seinem Opfer, seiner Hingabe teilzuhaben, deren Höhepunkt die Feindesliebe ist.


In der römischen Republik wurden die Götter in der Regel noch nicht in Menschengestalt vorgestellt, so der Experte für Römisches Recht, Dr. Christoph Ebner vom Heeresgeschichtlichen Museum. Stattdessen stand der göttliche Wille (Numen) und seine Beeinflussung durch den Kult im Vordergrund. Die diesseitige und gewissermaßen juristische Ausrichtung der Religion der Römer prägte Vorstellung und Praxis der Opfer. Sie wurden als Rechtsgeschäfte verstanden und unterlagen strengen Formalvorschriften. Im privaten Bereich dominierten blutlose Opfer (Nahrungsmittel und Weihrauch), die (teureren) Blutopfer den öffentlichen Bereich. Es gab zahlreiche Berührungspunkte zwischen Opferkult und Militär: Legionäre, die in den Krieg zogen, versprachen nicht selten bei günstigem Ausgang Opfer zu bringen oder Altäre zu errichten. Eine besondere Form des Opfers war die sog. Devotio: die Selbstopferung des Feldherrn in der Hoffnung, dadurch den Ausgang der Schlacht noch ins Positive zu wenden. Menschenopfer wurden 97 v. Chr. vom römischen Senat verboten. Es gibt aber Hinweise, dass sie vereinzelt weiterexistierten. So berichtet etwa Tertullian über heimliche Kinderopfer bei den Karthagern. Die Gladiatorenspiele entwickelten sich ursprünglich aus dem Bereich kultischer Opfer, wurden in der Kaiserzeit aber immer mehr zur Unterhaltungsindustrie und mussten z.T. auch dazu herhalten, die kriegsmüde Bevölkerung auf die Feldzüge einzuschwören. In christlicher Zeit wurden die römischen Opferriten dann verboten und verschwanden nach und nach.

Der Opferkult der Nationalsozialisten war ein säkularisierter Kult, der die Vergöttlichung der Nation bzw. des Konstrukts einer arischen Rasse voraussetzt, erläuterte Dr. Werner Freistetter vom Institut für Religion und Frieden. Die Nationalsozialisten haben es nie geschafft, eine kohärente Darstellung ihrer Ideologie vorzulegen, es handelt sich dabei vielmehr um eine je nach Bedarf zusammengestellte Sammlung von Momenten. Machtstaatliche, bellizistische und sozialdarwinistische Motive spielten eine Rolle, weiters Ideen von Vernichtungskrieg und Rassekampf sowie existentiell-apokalyptische Vorstellungen von Krieg als Kampf um Sein oder Nichtsein, um totalen Krieg und heroischen Untergang. Der Opferbegriff wurde enggeführt auf ein Sich-Opfern für den Nationalsozialismus, die Gemeinschaft, den Führer. Ausgangspunkt war die Hochstilisierung der Erfahrungen der Kämpfer des Ersten Weltkriegs, wie etwa in Hitlers „Mein Kampf“: Wichtige Aspekte dieses Opferbegriffs sind die Idee, dass die Einzelnen sich dem Gesamten unterzuordnen haben; dass Soldaten eigentlich dazu da sind zu sterben: eine Heroisierung des militärischen Dienstes, die in die Brutalität führt; weiters die Idee, dass Opfer nicht vergeblich sein dürfen und dass der Wille, wenn er nur stark genug ist, alles überwinden kann. Dabei werden religiöse Vorstellungen aufgegriffen und in den Dienst einer rassistischen, säkularen Idee gestellt. So sprechen viele Texte vom Weiterleben der toten Helden: entweder geistig in der Erinnerung, durch das Aufgehen im Volk oder biologisch in den Nachkommen. Die ebenfalls religiös aufgeladene Lichtsymbolik im Nationalsozialismus ist eindrucksvoll, aber ambivalent. Sie deutet die Vertreibung des Dunkels, des Bösen an, zugleich ist das Feuer aber auch Symbol der rücksichtslosen Zerstörung und Vernichtung. Heute erkennen wir, wohin die Pervertierung der Werte geführt hat. Unsere Gedenkkultur steht freilich immer noch vor beträchtlichen Herausforderungen: Wie sollen wir in Politik und Kirche entscheiden, wer und was in unserer Gedenkkultur Platz haben darf und wer nicht? Und wie gehen wir damit um, dass nach zwei Weltkriegen und dem massiven Missbrauch des Begriffs Opfer nicht nur der alltägliche, sondern auch der theologische Gebrauch schwierig und fraglich geworden ist?

Wie das Christentum hat sich auch der Islam von heidnischen Opfervorstellungen verabschiedet. Besonders deutlich wird das in der Erzählung vom Opfer Abrahams. Kern dieser Erzählung ist aus Sicht des Koran die Bereitschaft Abrahams zum Gehorsam Gott gegenüber. So ist auch an einer anderen Stelle deutlich festgehalten, dass ihr Fleisch und ihre Speisen (beim Opfer) Gott nicht erreichen, sondern ihre Hingabe an Gott. Entscheidend ist das blutlose Zeugnis („Martyrium“) des Muslimen, das im Glaubensbekenntnis ausgesprochen wird, dem Bekenntnis zum einen Gott. In der islamischen Tradition werden etwa auch Krebstote als Märtyrer bezeichnet, insofern sie die Barmherzigkeit Gottes bezeugten. In der Frühzeit und auch der weiteren Geschichte des Islam gab es immer wieder muslimische Märtyrer, die getötet wurden, weil sie ihre Religion bekannten, oft aber nicht von Andersgläubigen, sondern von muslimischen Glaubensbrüdern. Später wurde das Martyrium säkularisiert bzw. nationalisiert: So wurden die Toten von Gallipoli auf osmanischer Seite als Märtyrer bezeichnet (unter ihnen übrigens auch armenische und griechische Soldaten!). Außerhalb der Türkei finden sich Monumente, die an das Martyrium der Armenier erinnern. Auch auf kurdischer Seite wird von Märtyrern gesprochen, die im Zug der Auseinandersetzungen der letzten Jahrzehnte gefallen sind, oder von Märtyrern der kommunistischen Partei. Heute ist die islamische Tradition durch terroristische Organisationen herausgefordert, die Attentäter als Märtyrer bezeichnen, wenn sie Zivilpersonen, Unschuldige mit sich in den Tod reißen. Aydin plädiert für eine Rückbesinnung auf die ursprünglichen Bedeutung des Begriffs im Islam: anderen zu geben, etwas für andere zu tun, ihnen zu dienen. Das sei der eigentliche Sinn des Martyriums.

Der Innsbrucker Diözesanbischof Dr. Manfred Scheuer sieht eine Hochkonjunktur des Opferbegriffs im heutigen Sprachgebrauch. Dass Menschen opfern sei ein Urphänomen, eine allgemeine religiöse Grundkonstante. Opfer gelten als Quelle des Lebens, stehen aber auch für Zerstörung und Vernichtung. Aus biblischer Sicht braucht Gott keine Opfer wie in vielen anderen Religionen. Das Opfer ist vielmehr Ausdruck des freien Glaubens, der Hingabe an Jahwe. Jesus und die ersten Zeugen haben sich an die jüdische Opferpraxis gehalten. Jesus knüpft allerdings auch an die Opferkritik der biblischen Propheten an: Gott braucht nicht durch Opfer, durch menschliche Leistung zur Barmherzigkeit gebracht zu werden, sondern seine Liebe und Barmherzigkeit ist es, die alles umfängt.

Das Wort „Friedensopfer“ klinge heute freilich eigenartig und fremd. „Friedensopfer“ heißt in der jüdischen Tradition ein Dankopfer für ein Wunder, das einem zugestoßen ist. Auch der Kreuzestod Jesu kann als Friedensopfer verstanden werden: Jesus hat Gewalt ertragen und nicht mit Gegengewalt reagiert. Nicht im Leiden selbst, sondern in seiner aktiven Hingabe, seiner Antwort auf die Liebe Gottes, von der er sich umfangen weiß, besteht sein Opfer. Es ist ein Akt radikaler Feindesliebe, durch den die Logik des Bösen aufgebrochen wird. Durch das Opfer soll Gemeinschaft geschaffen und eine Ordnung wiederhergestellt werden, in der Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit als Säulen des Frieden wirksam sind.

Es war ein Friedensopfer, als sich Maximilian Kolbe für einen Familienvater opferte, der getötet werden sollte. Es war ein Friedensopfer, als sich die polnischen und deutschen Bischöfe 1965 erstmals trafen und um Vergebung baten und Vergebung gewährten. Es war ein Friedensopfer, als sich ehemalige KZ-Häftlinge mit ehemaligen Feinden trafen. Es ist ein Friedensopfer, wenn sich Ärzte ohne Grenzen für Opfer in Konfliktgebieten einsetzen. Friedensarbeit beinhaltet Freundschaft mit den Armen, Entwicklungshilfe, Integration von Ausländern und Minderheiten, Dialog zwischen den Religionen – und schafft Bedingungen dafür, dass Fremde einander ins Gesicht schauen können und bemerken, dass sie Brüder sind.